Immer wenig Geld zu haben, ist für Heinz Schmidt aus Senftenberg (alle Namen geändert) seit 1998 Alltag. Bis dahin hatte der gelernte Fleischer hart gearbeitet und genug für sich, seine Frau Bärbel und sechs Kinder verdient. Doch dann wurde der Familienvater durch Krankheit arbeitsunfähig. Eine kleine Rente, ergänzende Sozialhilfe und Kindergeld mussten von da an zum Leben reichen.
Heute wohnen noch drei der sechs Kinder bei den Eltern in einem unsanierten Plattenbau. Die anderen haben eigene Wohnungen in der Nähe. Heinz Schmidt bekommt 660 Euro Rente, seine Frau inzwischen Alg II, inklusive Miete 683 Euro. Damit das Geld reicht, führt Heinz Schmidt genau über Einnahmen und Ausgaben der Familie Buch.
Tisch, Stühle, eine Schrankwand und eine Sofagarnitur stehen im Wohnzimmer. Am Fenster hängen blütenweiße Gardinen, am Balkon Geranienkästen. Der Bezug der Polstergarnitur ist an einigen Stellen zerschlissen. „Wir wollten das noch mal neu beziehen lassen, aber 300 Euro dafür sind im Moment nicht drin“ , sagt Bärbel Schmidt. Über einer schmalen Kommode hängen Bilder an der Wand. „Unsere Kinder“ , sagt die 48-Jährige mit sichtlichem Stolz und erklärt: „Meine Große bei ihrer Hochzeit, mein Enkelkind, der Kleinere bei der Jugendweihe und das ist die Jüngste bei der Einschulung.“
Die Kinder der Familie mussten und müssen auf vieles verzichten, was für andere selbstverständlich ist: neue Kleidung, Computer, Videospiele, einen Lederfußball, moderne Fahrräder und Urlaubsreisen. Kostenlose Lebensmittel von der Senftenberger Tafel helfen seit Jahren, das schmale Familienbudget zu entlasten.

Jeden Tag in den Kindergarten
Die drei inzwischen erwachsenen Kinder der Schmidts haben alle eine Berufsausbildung abgeschlossen: Einzelhandelskauffrau, Maler, Maurer. Arbeitslos waren sie alle schon mal, aber nur für kurze Zeit. „Die kümmern sich, die machen los“ , sagt Bärbel Schmidt. Eine andere Tochter hat das Abitur abgelegt und studiert an der Fachhochschule Lausitz. Anfangs mit Bafög, jetzt hat sie einen Bankkredit aufgenommen, um ihre Ausbildung zu Ende zu bringen. Weil sie die Fachrichtung noch mal gewechselt hat, das aber relativ spät, war ihr Bafög-Anspruch erloschen. „Die ist ehrgeizig, die beißt sich durch, die schafft das“ , ist ihr Vater trotzdem zuversichtlich.
Der Zweitjüngste ist siebzehn Jahre alt und hat trotz einer Lese- und Rechtschreibschwäche die zehnte Klasse mit Fachoberschulreife abgeschlossen und gerade eine Lehre als Konstruktionsmechaniker begonnen. Das Nesthäkchen der Familie, ein Mädchen, ist im September in die Schule gekommen. Bis dahin haben die Eltern die Kleine jeden Tag für drei Stunden in den Kindergarten gebracht. Auf die Idee, die dafür fälligen 22 Euro im Monat zu sparen, sind sie nie gekommen. „Die sollte unter Gleichaltrige und sie ist immer gern hingegangen“ , sagt Bärbel Schmidt.
Bis heute ist die Familie trotz permanent knapper Kasse schuldenfrei. Einzige Ausnahme ist ein kleiner Ratenkredit für ein gebrauchtes Auto. In den alten Wagen war jemand hineingefahren: Totalschaden. Die Versicherungssumme reichte nicht aus, um Ersatz anzuschaffen. Doch ohne Fahrzeug geht es nicht, versichert Bärbel Schmidt: „Mein Mann kann kaum noch eine längere Strecke laufen, muss aber häufig zum Arzt. Ich fahre ihn.“
Vor zwei Jahren hatte Bärbel Schmidt, die seit Anfang der 90er-Jahre als Hausfrau die Familie versorgte, vorübergehend wieder eine Beschäftigung. Ein halbes Jahr lang konnte sie sich in einem Selbsthilfeverein etwas zu ihrem Alg II hinzuverdienen. Im vorigen Jahr schickte das Jobcenter sie in einen sechswöchigen Computerkurs. Dass sie noch mal dauerhaft einen Job bekommt, daran glaubt die 48-Jährige kaum: „Schön wäre es ja.“ Sie sagt das ohne Bitterkeit.

Liebe ist mehr Wert
Heinz und Bärbel Schmidt haben Freunde und Bekannte im Haus und in der Nachbarschaft. Man besucht sich, hilft sich gegenseitig. Da seien sogar Beamte darunter, die nicht auf sie herabschauten, sagen beide. Den jetzt diskutierten Begriff „Unterschicht“ finden sie erniedrigend.
Große Wünsche haben Heinz und Bärbel Schmidt nicht. Die Wohnung etwas besser einrichten, Laminatboden statt Teppich, wäre schön. Im kommenden Sommer will das Ehepaar mit der jüngsten Tochter einen Tag in einen Freizeitpark bei Leipzig fahren. „Als Belohnung für die Kleine, wenn sie nach dem ersten Schuljahr ein gutes Zeugnis hat“ , sagt der Vater.
Dass Menschen sich nicht um ihre Kinder kümmern, kann er nicht verstehen. „Man muss doch für sie da sein, wenn die einen brauchen“ , sagt er. „Und man kann weitergeben, dass Liebe mehr Wert ist als viel Geld.“
Bis heute herrscht bei den Schmidts ein fester Zusammenhalt. Jeden Sonntag kommen alle erwachsenen Kinder mit Schwiegerkindern und Enkeln zum Kaffee zu Besuch. „Man muss einen Platz im Leben haben“ , sagt Bärbel Schmidt. Ihre erwachsenen Kinder hätten den gefunden: „Die verschludern ihr Leben nicht.“ Darauf ist sie stolz.