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Man kennt sich, man duzt sich

Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) ist Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums.
Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) ist Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums. FOTO: dpa
Berlin. Drei Meter trennen an diesem Mittwochabend Frank-Walter Steinmeier (SPD), Deutschlands Außenminister, und Wladimir Grinin, Russlands Botschafter in Berlin. Beide sind im Hotel Adlon am Brandenburger Tor zu Gast bei einer Festveranstaltung des Deutsch-Russisches Forums. Werner Kolhoff

Das ist ein Verein von Politikern und Wirtschaftsleuten, der seit 20 Jahren versucht, die Beziehungen zu Russland zu verbessern.

Es sind Leute wie Franz Kiesl aus Gütersloh, der 1991 ein "Forum Russische Kultur" gegründet hat und eine Visitenkarte mit deutscher und russischer Flagge zückt. Er nennt sich "Russland-Versteher". Und er findet, dass der Westen in der Ukraine alles falsch gemacht hat. "Ich bin strikt gegen eine weitere Zuspitzung."

Ivan Aladyev, ein russischstämmiger Anwalt aus Hamm, sieht das ähnlich. Er hilft deutschen Firmen bei ihren Ostgeschäften. Er sagt, dass sich seine Kunden Sorgen machen und dass es keine Sanktionen gegen Russland geben dürfe.

"Du, lieber Wladimir", so begrüßt Ernst-Jörg von Studnitz den Moskauer Botschafter. Grinin hält die Laudatio auf von Studnitz, der nach elf Jahren den Vorsitz des Forums an Matthias Platzeck (SPD), den früheren Brandenburger Ministerpräsidenten, abgibt. Grinin sagt, wie es aus russischer Sicht in der Ukraine weitergehen könnte.

Er zitiert dazu aus einem Gastbeitrag, den von Studnitz in einer Zeitung veröffentlich hatte. "Ein kluges Wort, besser kann ich es auch nicht formulieren."

Der Inhalt: Es müsse eine inner ukrainische Versöhnung mit Garantien für die Rechte der Russen geben und eine Verständigung zwischen dem Westen und Russland über die Zukunft des Landes außerhalb der Nato.

Grinin blickt bei seinem Schlusssatz Steinmeier an. "Wir dürfen das mit so viel Mühe Erreichte nicht aufs Spiel setzen", sagt er beschwörend. Von der Krim spricht der Botschafter mit keinem Wort.

Es gibt starken Beifall für die Rede. Von Studnitz, lange Deutschlands Botschafter in Moskau, hat die Krim-Eingliederung in seinem Gastbeitrag übrigens einen "fait accompli" genannt, eine vollendete Tatsache. Nur wenige sehen das anders.

Ein paar haben sich in der internen Mitgliederversammlung des Forums gemeldet, was schon ungewöhnlich war. So viel Unruhe habe es hier noch nie gegeben, berichtet ein Teilnehmer.

Aber die große Mehrheit möchte, dass es irgendwie weitergeht mit den guten Beziehungen.

Auch Platzeck vermeidet eine Verurteilung Putins. "Wir müssen einander zuhören." Nur Steinmeier stört. Er sagt gleich zu Beginn, dass er "keine Festrede" halten werde. Er ist der Einzige, der hier noch von der Krim redet.

"Der Versuch, sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Grenzen zu korrigieren, ist völkerrechtswidrig und öffnet eine Büchse der Pandora." Niemand klatscht, erst recht nicht, als der Außenminister von den abgestuften Sanktionen spricht, die nun kommen.

"Sicher war das mit der Krim nicht ganz sauber", räumt Anwalt Aladyev hinterher ein. "Aber auch der Westen sieht so was doch mal so, mal so, nicht wahr?" Also: Schwamm drüber.