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Mahnendes Gedenken: Mehr als 120 Kriegsgefallene finden Ruhestätte in Halbe

Frank-Walter Steinmeier (M.) auf der Kriegsgräberstätte in Halbe. Er will gemeinsam mit einstigen Feinden das "Nie-wieder" lernen.
Frank-Walter Steinmeier (M.) auf der Kriegsgräberstätte in Halbe. Er will gemeinsam mit einstigen Feinden das "Nie-wieder" lernen. FOTO: dsf
Halbe. 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben am gestrigen Mittwoch 123 Kriegsgefallene auf der Kriegsgräberstätte in Halbe (Dahme-Spreewald) ihre letzte Ruhe gefunden. Erstmals haben katholische und evangelische Kirche gemeinsam Gottesdienst gefeiert. dsf

Hunderte waren ins beschauliche Halbe im Dahme-Spreewald-Kreis gekommen, um den 123 im Zweiten Weltkrieg Gefallenen eine letzte Ehre zu erweisen. Und vielleicht auch, um den Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zu sehen, der sieben Jahrzehnte nach Kriegsende auf Deutschlands größter Kriegsgräberstätte gesprochen hat. Über die Schrecken der Kesselschlacht, die kurz vor Kriegsende noch einmal 40 000 deutsche und sowjetische Soldaten das Leben kostete. Das war am Mittwoch auf den Tag genau vor 70 Jahren. Die Erinnerung hallt nach - bis heute. "Das Vermächtnis der Toten von Halbe verpflichtet die deutsche Politik und jeden Einzelnen von uns, all denen entgegenzutreten, die das Gedenken an Kriegsopfer für ihre Zwecke vereinnahmen wollen oder die Hass und Zwietracht säen", so Steinmeier. Immer wieder war Halbe in den vergangenen Jahren zum Ziel von Rechtsextremisten geworden, die dort ihre Solidarität zur Wehrmacht demonstrieren wollten. Am Mittwoch aber war der kleine Ort zwischen Teupitz, Groß Köris und Märkisch Buchholz Pilgerstätte für zahlreiche Angehörige und Gäste, die teils aus der Region, teils sogar aus Bayern, Sachsen und anderen Winkeln Deutschlands angereist waren. Mit Shuttle-Bussen wurden die Gäste vom Parkplatz im abgelegenen Industriegebiet bis zur Kriegsgräberstätte chauffiert, voll besetzte Reisebusse waren gekommen. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge spricht von mehr als 1000 Besuchern.

Begonnen hat die Gedenkveranstaltung mit einer Premiere - erstmals haben katholische und evangelische Kirche einen gemeinsamen Gottesdienst in Halbe gestaltet. Wolfgang Ipolt, Bischof des Bistums Görlitz, betonte, dass es einen starken Willen brauche, den Frieden aufrecht zu erhalten und die Versöhnung zwischen einst verfeindeten Völkern wachsen zu lassen. Bischof Markus Dröge von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz sagte: "Der Waldfriedhof in Halbe wird umso wichtiger, je mehr Zeitzeugen von uns gehen." Dort habe die Erinnerung einen Ort. Halbe sei ein Beispiel dafür, dass Krieg kein Problem auf der Welt lösen könne. Dröge lobte die Arbeit der Deutschen Kriegsgräberfürsorge, vor allem die Identifizierung von rund einem Drittel der jährlich rund 30 000 deutschen Gefallenen, die laut Kriegsgräberfürsorge noch heute umgebettet werden. "Indem den Toten der Name wiedergegeben wird, wird ihnen auch die Würde zurückgegeben", so Dröge.

Es erfülle ihn mit Demut, so Außenminister Steinmeier, dass am Gedenken an die Opfer des Krieges in Halbe nicht nur Deutsche teilnahmen, sondern auch die einstigen Feinde. Der russische Botschafter Vladimir Grinin war zur Kriegsgräberstätte gekommen, außerdem Vertreter der Botschaften Frankreichs, Litauens, Estlands, der Ukraine und Österreichs. Weil viele Opfer dem Land der Täter die Hand gereicht hätten, sei es Deutschland in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gelungen, ins Herz der Europäischen Union zu gelangen, so Steinmeier weiter. Dafür sei er dankbar. So wie für die Arbeit der Kriegsgräberfürsorge, die sich um 832 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten Europas und Nordafrikas mit rund 2,7 Millionen Kriegstoten kümmert. Allein in Halbe haben mittlerweile mehr als 25 000 Kriegsopfer ihre letzte Ruhe gefunden.

Zwischen die Leibwächter des Besuchs aus Berlin mischten sich auch Mitarbeiter des Technischen Hilfswerkes (THW) - eine weitere Premiere auf dem Waldfriedhof. Erstmals hat das THW Hilfe geleistet bei der Ausrichtung der aufwendigen Veranstaltung, bei der auch die Polizei, das Ordungsamt und der Kampfmittelräumdienst im Einsatz waren.

Gemeinsam mit den einstigen Feinden wolle Deutschland das "Nie-wieder" lernen, so Steinmeier. "Von Halbe kann nur eine Botschaft ausgehen", sagte er. "Die Mahnung zum Frieden."