Ein riesiger Glastisch, darauf in der Mitte erhöht ein aufgehackter menschlicher Schädel. Um ihn herum drapiert feinsäuberlich Hunderte Glasbruchstücke und fast wieder vollständig zusammengesetzte gläserne Laborgefäße. "Es sind die Hinterlassenschaften von Arbeitsgeräten aus einer Alchemistenwerkstatt in Wittenberg, aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts", sagt der Archäologe und Sprecher des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, Alfred Reichenberger. "In Deutschland sind es die ersten archäologischen Stücke dieser Art." Die Funde wurden 2014 bei Grabungen an der nördlichen Außenmauer des ehemaligen Franziskanerklosters in einer Abfallgrube entdeckt.

Sisyphusarbeit an den Exponaten

Seit wenigen Tagen ist die Ausstellung "Die Suche nach dem Weltgeheimnis" im Landesmuseum in Halle zu sehen. "Bei dem Schädel handelt es sich um die älteste, auch schriftlich belegte Schädelsektion Deutschlands. Es war eine Frau, die wegen Kindsmordes hingerichtet wurde", sagt Reichenberger. "Das Stück steht in der Schau, weil damals Medizin und Alchemie noch nicht getrennt waren." Der Glastisch ist Teil der zentralen Installation. "Insgesamt gibt es drei Ebenen, in der mittleren, dem gläsernen Labortisch, liegen die archäologischen Funde.

Sieben große Destillierkolben, dazu zwölf Retortengefäße, mehrere Destillierhauben sowie dreieckige Schmelztiegel und jede Menge Glasbruchstücke. "Rund 2800 Arbeitsstunden hat es gedauert, die Scherben zusammen zusetzen und damit die Arbeitsgeräte der Alchemisten wieder sichtbar zu machen", sagt Restauratorin Vera Keil.

Stein der Weisen höchstes Ziel

"Unter dem Tisch liegt unerreichbar der ,Stein der Weisen', ein rötlicher Klumpen, der an eine Kartoffel erinnert. Der war ja das oberste Ziel der Alchemisten", sagt der Kurator der Ausstellung und Archäologe, Jens Brauer. "Über dem Labortisch hängt als fotografisches Deckenbild ein Detektor der europäischen Großforschungseinrichtung CERN in Genf (Schweiz). Hier versuchen die Teilchenphysiker heute, herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält."

Insgesamt sind in Halle auf 500 Quadratmetern rund 150 Objekte und Objektgruppen ausgestellt. Neben den Wittenberger Funden stammen die Stücke von 30 Leihgebern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Großbritannien. Beispielsweise kommen aus Basel (Schweiz) die ältesten bislang bekannten Destilliergefäße aus dem 13. Jahrhundert. Bücher mit alchemistischen Abbildungen stammen aus dem Staatsarchiv Dresden.

"Die Ausstellung zeigt, dass die Alchemisten keine Scharlatane waren, sondern richtige Konzepte hatten", sagt Brauer. Bei den in den Glaskolben anhaftenden Stoffen handelt es sich, laut chemischer Analyse, um Antimon-Verbindungen, Quecksilber, Schwefelsäure und Salpetersäure. "In Wittenberg wurde also kein Gold hergestellt. Das war ein Pharmalabor, das Grundstoffe für Arzneimittel produzierte", sagt Brauer.

Neue Kenntnisse aus alten Akten

Im Zuge der Vorbereitung der Ausstellung fanden die Archäologen im Dresdner Staatsarchiv auch Akten des Fürsten August von Sachsen (1526-1586) und seiner Frau Anna (1532-1585).

Sie experimentierten beide in einem Destillierhaus in Annaburg (Landkreis Wittenberg). Daher wurde auch die Theorie, dass das Labor in Wittenberg überhastet aufgegeben wurde, weil der Alchemist als gescheiterter Goldmacher möglicherweise von seinem Auftraggeber verfolgt wurde, aufgegeben. "Das ist in Wittenberg ganz planmäßig, während des laufenden Laborbetriebes, weggeworfen worden", sagt der Kurator. Wahrscheinlich wurde nach Errichtung des Annaburger Hauses das Wittenberger Labor aufgegeben.