Nach der Heimkehr der Eltern von Madeleine sind die meisten Fernsehteams und Journalisten – von den Einheimischen als „Außerirdische“ bezeichnet – wieder abgereist.

Die Eltern Kate und Gerry McCann hatten bei ihrer Heimkehr viel Wert darauf gelegt, dass ihre Abreise aus Portugal nicht wie eine „Flucht“ aussieht. Sie stehen nach Medienberichten bei der Polizei im Verdacht ihre Tochter versehentlich getötet und die Leiche beseitigt zu haben. Während die britische Presse eine gewisse Sympathie für die McCanns zeigte, hatte die Öffentlichkeit in Portugal weniger Verständnis.

Das Verlassen Portugals habe im Grunde doch wie eine „Art von Flucht“ ausgesehen, befand die angesehene Zeitung „Diário de Notícias“ am Montag. Die Ermittler hätten ausdrücklich davon abgeraten. Im „Correio da Manh㓠ging der Kolumnist Francisco Moita Flores noch einen Schritt weiter: „Die Eltern verhielten sich wie Kriminelle, die abhauen aus Furcht, dass ihr Schwindel auffliegt. Die Abreise war eine Flucht, die die McCanns noch verdächtiger macht.“

Die portugiesische Polizei kündigte an, den Fall Madeleine an die Staatsanwaltschaft zu übergeben. Die Ermittlungsdokumente, die eine mögliche Verwicklung der Eltern in den Vermisstenfall behandeln, sollten noch am Montag dem portugiesischen Staatsanwalt Jose Cunha de Magalhaes e Meneses vorgelegt werden, sagte Polizeisprecher Olegario Sousa in Portugal. Die Anklagebehörde muss dann entscheiden, ob Kate und Gerry McCann beschuldigt werden. Die Staatsanwaltschaft muss auch beurteilen, ob die Verdachtsmomente ausreichen, die McCanns vor einen Ermittlungsrichter zu zitieren. Beide waren am Wochenende als Verdächtige benannt worden.

Niemand zweifelt daran, dass es das gute Recht der McCanns war, nach Mittelengland in ihr Haus in Rothley zurückzukehren. Die Auflagen der Polizei ließen dies zu. Experten in Portugal stimmen jedoch darin überein, dass die Ermittlungen dadurch erschwert werden. „Die McCanns brauchen nur ein ärztliches Attest vorzulegen, wenn sie einer Vorladung in Portugal nicht Folge leisten wollen“, gab ein Jurist zu bedenken.

Zudem müssen die portugiesischen Ermittler bei allen Anfragen über die Zwischeninstanz der britischen Behörden gehen. „Die britische Polizei wird bei den Ermittlungen nun eine wichtigere Rolle spielen“, schreibt die Zeitung „Público“. Neben den McCanns – als den Verdächtigten – leben auch wichtige Zeugen in Großbritannien. Dies sind die Freunde des Ehepaars, die zum Zeitpunkt des Verschwindens von Madeleine mit deren Eltern in einem Restaurant in Praia da Luz gespeist hatten.

Britische Medien erweckten den Eindruck, dass die portugiesische Polizei die McCanns vorschnell und aufgrund unzureichender Indizien zu Verdächtigten gemacht habe. Portugiesische Kommentatoren wiesen dies energisch zurück. „Die Polizei hatte kein Interesse, die Eltern Madeleines zu Verdächtigen zu machen“, betont das „Diário de Notícias“. „Im Gegenteil, für die Ermittler wäre es einfacher gewesen, wenn die McCanns noch den Status von Zeugen hätten. Dann wären sie gesetzlich gezwungen, Fragen der Beamten wahrheitsgemäß zu beantworten. Als Verdächtige müssen sie das nicht.“

In Praia da Luz ist derweil alles wieder beinahe so wie früher. Vor der Kirche spielen die Kinder, und an der Praça da República (Platz der Republik) haben die Rentner wieder ihre angestammten Positionen auf den Parkbänken bezogen. Allerdings hat das Verschwinden von Madeleine den Ort auch zu einer Touristenattraktion gemacht. „Immer wieder fragen mich Touristen nach dem 'Haus von Maddie'“, berichtete eine Andenkenverkäuferin. „Aber wir wollen hier nicht davon profitieren, dass das Mädchen in unserem Ort verschwand.“