Doch inzwischen ist die Lage so brisant, dass man jede Äußerung Seehofers dahingehend abklopfen muss, ob sie nicht auch einen Angriff auf CDU-Chefin Angela Merkel darstellt.

Deshalb kann der Satz auch so gedeutet werden: Die Kanzlerin muss endlich aufhören, bei der Begrenzung der Flüchtlingszahlen die Dinge schleifen zu lassen. Richtig ist, dass dieses Politprinzip Merkels Markenzeichen war, zuschauen, beobachten, sich zu einer Entscheidung drängen lassen. Richtig ist aber auch: Das hat sich geändert. Merkel ist in ihrer zehnjährigen Kanzlerschaft in der Flüchtlingspolitik standhaft wie noch nie. Obgleich sie der Schwesterpartei an dem einen oder anderen Punkt entgegenkommen ist, Stichwort Transitzonen oder Familiennachzug. Auf dem CSU-Parteitag hat sie den Christsozialen beim Thema Obergrenzen selbstbewusst die Zähne gezeigt und dafür die Quittung sichtbar vergrätzt ertragen.

Horst Seehofer hat sie auf der Bühne öffentlich vorgeführt. Seehofer fühlt sich im Zenit seiner Macht. Die Flüchtlingskrise hat den bayerischen Ministerpräsidenten reanimiert. Und im Umkehrschluss könnte man meinen, Merkel ist im Zenit ihrer Ohnmacht, so groß ist der Widerstand gegen ihre Politik inzwischen. Nicht nur in Bayern. Doch weit gefehlt. Die Kanzlerin hat in Wahrheit nichts mehr zu verlieren, sie ist zehn Jahre im Amt, und Helmut Kohls Mädchen hat allen bewiesen, dass sie Kanzlerin kann; dass sie das Land sicher durch Krisen führt, und dafür keine Insignien der Macht benötigt. Dadurch ist Merkel beliebt geworden. Teilen und herrschen, so ist Seehofer, nicht Merkel. Das hat der CSU-Chef nach der Rede der Kanzlerin gezeigt. Damit hat er aber zugleich sich selbst und sein Verständnis von politischer Führung übel entlarvt.

Das Wahlergebnis zum Parteivorsitz war dementsprechend ein Denkzettel. So geht man nicht mit der Kanzlerin um. Und wer es doch tut, der lässt sie nur noch stärker, nur noch hartnäckiger werden. Merkel ist die wahre Gewinnerin des Parteitages.

Die Frage ist nun, wer am Ende den Kampf in der Sache gewinnen wird. Denn hinter dem Streit um die Obergrenze steckt auch ein Kampf der Kulturen. Merkel sieht, dass Deutschland sich verändern wird und verändern muss angesichts des Flüchtlingsansturms. Es ist die Kultur der Offenheit, für die sie jetzt steht. Seehofer hingegen setzt auf das bajuwarische Prinzip der Bewahrung. Nicht wir müssen uns ändern, sondern die, die zu uns kommen.

Merkel denkt zudem langfristig, will das Problem beständig lösen, die Fluchtursachen europäisch in den Griff bekommen. Das dauert. Seehofer ist indes Getriebener seiner Basis, die tagtäglich mit dem Flüchtlingsansturm in Bayern umgehen muss. Vergessen werden darf darüber hinaus nicht: Lange Zeit beschäftigten sich die Christsozialen mit der Maut oder dem Betreuungsgeld, holten sich dabei republikweit eine blutige Nase. Jetzt geht es nicht mehr um Kinkerlitzchen, sondern in der Flüchtlingsfrage hat Seehofer Grundsätzliches für die Unionsparteien ausgemacht. Zumal die AfD immer stärker wird. Eine Kehrtwende kommt somit für ihn nicht infrage. Für Merkel aber auch nicht. Die Realität wird es sein, die in den nächsten Monaten den einen oder die andere dazu zwingen wird.

Zum Thema:
CSU-ChefHorst Seehofer hat inmitten seines Streits mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) über die Flüchtlingspolitik einen Denkzettel von seiner Partei verpasst bekommen. Bei seiner Wiederwahl auf dem Parteitag am Samstag in München musste der 66-Jährige mit 87,2 Prozent sein bislang schlechtestes Ergebnis hinnehmen. Vor zwei Jahren hatte er noch 95,3 Prozent bekommen. CSU-Vorstandsmitglieder nannten eine Reihe von Gründen: etwa die Art und Weise, wie Seehofer am Vorabend mit Merkel umgegangen war. Im Streit zwischen CDU und CSU über die Flüchtlingspolitik hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière hervorgehoben, dass die angestrebte Kontingentlösung auf die von den Christsozialen geforderte Begrenzung hinausläuft. "Ein Kontingent bedeutet automatisch eine Begrenzung der Anzahl von Flüchtlingen", sagte der Christdemokrat der "Bild am Sonntag". Allein kann Deutschland diese Aufgabe aus seiner Sicht aber nicht lösen: "Wir arbeiten daran, die Zahl der Flüchtlinge insgesamt zu steuern, zu ordnen und zu reduzieren.