Vor der Einfahrt auf die Rennstrecke bilden sich lange Schlangen. Ein leicht angerosteter und nicht mehr ganz straßentauglicher blauer Polo steht direkt neben einem silbernen und auf hochglanz polierten Audi TT. Eine von außen langweilig unauffällig wirkende Familienkutsche neben einem aufgemotzten Golf mit gold-orange schimmerndem Lack. Und alle wollen das Gleiche. Endlich rauf auf die Piste. Auf dem Asphalt zeigen, was sie und ihre Autos können. Ihre Ungeduld ist lautstark zu vernehmen. Immer wieder lassen die Fahrer den Motor aufheulen, erzeugen durch im Auspuff verbrennendes Benzin Geräusche, die mehr nach Gewehrschüssen als nach Auto klingen. Mit der Freigabe der Strecke geht die Jagd auf der Viertelmeile los. Wieder und wieder treiben die Asphaltcowboys und Geschwindigkeitsjunkies ihren fahrbahren Untersatz an die Grenze der Leistungsfähigkeit. Nutzen jede Sekunde zum Topspeed. Können nicht genug bekommen vom direktem Kampf Mann gegen Mann, Auto gegen Auto.

Männerträume in Bikinis
Von alledem bekommen Ramona und Desi nicht viel mit. Die beiden Thüringerinnen sind nicht wegen der Autos hier, vielmehr wegen der Fahrer. Der Veranstalter hat die beiden als Stripperinnen und für den Hot-Car-Wash gebucht. In knappen schwarzen Bikinis, die mehr zeigen als verdecken, bahnen sich die zwei ihren Weg durch die Menge. Schon auf den zweihundert Metern von der Garderobe zum Festplatz ziehen sie alle Blicke auf sich. Kein Mann, der nicht den Kopf nach ihnen dreht. Kaum einer, der nicht stehen bleibt und spontan einen Kommentar über Ramona und Desi zum Besten gibt.
Wie die Motten das Licht ziehen die beiden die Männer an. Die Menschentraube am Hot-Car-Wash-Zelt wächst stetig. Mittlerweile dicht gedrängt beobachten Familienväter und Teenager, Nachwuchsmachos und Autoschrauber, wie Ramona und Desi einen VW Golf einseifen. Marcel, Besitzer des Wagens, genießt von seinem Fahrersitz aus sichtlich die ihm gebotenen Ein- und Ausblicke. Die Männer greifen zu Handys und Kameras, von allen Seiten zucken Blitze wie bei einem Gewitter über die Szene. Ganz Besessene lassen die Videokamera mitlaufen. Ramona und Desi wissen, was Mann von ihnen erwartet. Und so räkeln sie sich über der Motorhaube, drücken ihren Oberkörper an die Scheiben. Je mehr Schaum aus den großen, weichen Schwämmen tropft, desto lauter wird das Gegröle der Umstehenden. Den vorläufigen Höhepunkt erreicht der Lärmpegel, als die beiden einen innigen Kuss mit Zungen spiel andeuten.
„Es ist so einfach die Männer bei solch einer Veranstaltung zufriedenzustellen“ , erzählt Desi in einer Pause lachend. Ramona ergänzt: „Zeig ein bisschen Haut, spiel ein bisschen rum und schon sind sie alle aus dem Häuschen.“ Am FKK-Strand interessiere das doch auch niemanden, wundert sie sich.
Es ist die Fantasie, die die beiden verkörpern. Das Image, das den Mädchen auf Veranstaltungen wie dieser anhaftet. Die Träume, die Männer haben, wenn sie die beiden auf der Bühne tanzen sehen.
„Das hat nichts mit unserer Person zu tun“ , ist sich Desi sicher. Das sowohl auf sie als auch auf Ramona Zuhause ein kleiner Sohn wartet, würden wohl die wenigsten ihrer meist jugendlichen Zuschauer glauben. „Das wollen die auch nicht wissen. Kaum sind sie hier mal ohne Mutti unterwegs, lassen sie die Sau raus.“ An die Sprüche, die Stripperinnen immer wieder zu hören kriegen, die teilweise unter die Grenze des guten Geschmacks sinken, haben sie sich längst gewöhnt. „Das berührt einen nicht. Das ist der Job, darüber regen wir uns nicht mehr auf“ , sind sie sich einig. Eines berührt sie aber doch, wenn wildfremde Leute über sie urteilen, sie als Huren beschimpfen, denn das - so betonen die Zwei - sind sie nun wirklich nicht. „Wir tanzen, nicht mehr und nicht weniger.“ Und sie tanzen gerne. Sie lieben ihren Job, bei dem sie ein Machtgefühl ausleben können, bei dem sie mit Fantasien ihrer Zuschauer spielen.
Während Ramona und Desi sich in den Pausenraum zurückziehen und sich auf den nächsten Auftritt vorbereiten, bilden sich auf dem Veranstaltungsgelände schon die nächsten Autoschlangen. Die Stunde der Bastler, Schrauber und Autofanatiker hat geschlagen. Beim Show&Shine-Wettbewerb kommt es auf die Optik an. „Dabei zählt nicht unser eigener Geschmack, sondern ausschließlich die Ausstattung, der Gesamteindruck und die Verarbeitung“ , erklärt Nick Werner. Der Fachmann aus Wuppertal entscheidet mit seinem Kollegen, Fahrzeuggutachter Ralf Heinemann, über hopp oder topp. Es sind vor allem kleine Details, die die beiden begeistern können.
Diese Details sind es, die auch Jacqueline und Frank aus Rostock wichtig sind. Jacqueline ist eine der wenigen Frauen, die bei diesem Wettbewerb dabei sind. Ihr Seat Leon erstrahlt vom Motorraum über die Innenausstattung bis in den Kofferraum in einem warmen Zimtbraun. Original ist an dem Fahrzeug wenig: Der Motor ist einem Audi TT entliehen, die Lederbezüge auf den Sitzen stammen aus einem BMW. Der Verstärker im Kofferraum erinnert eher an ein silbernes Raumschiff, als an eine Musikanlage. „Eigentlich wollten wir nur neue Felgen anbringen und den Wagen etwas tiefer legen“ , erzählt die studierte Psychologin, die so gar nicht dem gängigen Vorurteil eines autoverrückten Tüftlers entspricht. Als sie einmal angefangen hatten, wurde „der Drang zum Basteln immer größer“ , wie Freund Frank es erklärt. Mittlerweile ist die Karosserie komplett verändert. Kein Teil, an dem nicht geschweißt wurde. Dem Kofferraum und den Innentüren wurden mit Glasfaserverbundstoff eine neue Form gegeben. Insgesamt drei Flachbildschirme zieren die Kopfstützen und das Armaturenbrett. Insgesamt neun verschiedene Schichten Lack geben der Karosserie eine ganz eigenen Glanz. Und als I-Tüpfelchen haben sie sich rote Edelsteine in den Lack setzen lassen. „Uns war wichtig etwas zu haben, was keiner hat, etwas einmaliges“ , versucht Jacqueline den Bastelwahnsinn zu erklären. Ganz billig ist solch ein exklusives Vergnügen nicht. Aus den ursprünglich geplanten 6000 Euro, die sie investieren wollten, sind bis jetzt 28 000 Euro geworden - ohne den Kaufpreis vom Neuwagen versteht sich. Am Ende bringt es ihnen den Sieg in ihrer Klasse ein. Es ist nicht der erste Pokal, den Jacqueline mit nach Hause nimmt und wohl auch nicht der Letzte. Das Auto-Fieber hat sie gepackt.

Tino ist 2000 Kilometer angereist
Während ein Großteil der nach Veranstalterangaben insgesamt 48 000 Zuschauer des Wochenendes noch die teils aberwitzigen Umbauten an den „Crazy Cars“ bewundert, machen sich Ramona und Desi bereit für ihre nächste Show. Nach der Auszeichnung für die weiteste Anreise (Tino Wolf fuhr aus Norwegen 2000 Kilometer in die Lausitz), der Prämierung des größten Clubs (Sieger wurde die Gruppe Neueichen, die mit 58 Leuten und 33 Autos aus Neucelle angereist waren) und der obligatorischen Miss-VW-Blasen-Wahl (Anja Gottlöber aus Berlin) erscheinen die Tänzerinnen wieder auf der Bildfläche. Kaum dass sie einen Fuß auf die Bühne gesetzt haben, fängt die Masse an zu toben. Die Beiden haben leichtes Spiel. Genießen ihren Auftritt, spielen mit ihren Reizen, führen das Publikum, räkeln und wiegen sich im Takt der Musik, fordern Applaus. Die Masse folgt ihnen. Kann gar nicht genug bekommen. Was bleibt ist eine unerreichbare Illusion. Für die Ramona und Desi ist es ein Job, nicht mehr und nicht weniger. Sie beeilen sich, dass sie auf die Autobahn kommen, heim zu ihren Kindern.
Die Besucher denken noch lange nicht an Zuhause. Für sie geht es jetzt erst richtig los. Eine neue Nacht, eine neue Party. Alltag beim VW-Blasen.

Bilder vom VW-Blasen gibt es hier!