Während Jessica Volkmer im Fotobuch blättert, sitzt Luisa auf dem Wohnzimmerteppich und hantiert mit dem lustigen Schmetterling herum. Das Spielzeug macht seltsame Geräusche, wenn sie den Schalter umlegt. Luisas blaue Augen strahlen. Dann ist Lauftraining. Jessica Volkmer stellt sich hinter ihre Tochter und greift sich beide Hände. Im Gleichschritt wackeln sie Richtung Treppe. Luisa vorne weg, die Mama leicht gebückt hinterher. "Die Angst war noch bis vor kurzer Zeit da. Je mehr Hürden genommen werden, desto stolzer sind wir als Eltern", sagt die 23-Jährige und erinnert sich an die Zeit vor Luisa.

Am Anfang war alles in Ordnung

Alles ist damals vorbereitet für eine Familie. Die Verwaltungsfachangestellte Jessica Volkmer wird von der Amtsverwaltung Altdöbern mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag ausgestattet. Lebenspartner Gerald Joppa (27) schafft kurz zuvor seinen Meister und kann so in der Heizungs- und Sanitärfirma seines Vaters mitarbeiten. Auf dem Hof in Lipten (Oberspreewald-Lausitz) gibt es ausreichend Platz. Drei Generationen leben hier. Jessica Volkmer wird schwanger. "Am Anfang war ja alles in Ordnung", sagt sie im heimelig ausgebauten Dachgeschoss. Bis zur 17. Woche. Gewicht und Größe des Kindes entsprechen nicht der Schwangerschaftswoche, erklärt ihr die Feindiagnostikerin. Die Blutwerte stimmen nicht, der Fötus wird nicht richtig versorgt. Die Ursache dafür ist bis heute unklar. Jessica Volkmer raucht nicht. Auch mit dem Blutdruck hat sie keine Probleme.

In der 23. Woche muss sie ins Krankenhaus. Aber wohin? Berlin und Dresden kommen infrage. Sie entscheidet sich für Cottbus. Auch das Carl-Thiem-Klinikum (CTK) gehört zu den Perinatalzentren, die auf die Geburt und die Betreuung von Frühchen spezialisiert sind.

Schockmomente in Cottbus

Was ihr die Ärzte in Cottbus sagen, lähmt das Paar: "Sie müssen mit dem Risiko leben, dass sie im Bauch versterben kann." Die Angst, das gemeinsame Wunschkind zu verlieren, wird größer denn je. Jessica Volkmer bekommt Sauerstoff und Blutverdünner verabreicht. Sie hängt am Tropf. In der 27. Woche muss Luisa geholt werden, ansonsten stirbt das Kind vermutlich, sagen die Ärzte. Das CTK besitzt modernste Technik für die Geburt von Extremfrühchen, und es stellt eine 1:1-Betreuung sicher. Das heißt, das Baby hat rund um die Uhr immer mindestens eine Pflegekraft an der Seite.

Ab Januar 2017 soll dieser Betreuungsschlüssel gesetzlich festgeschrieben sein. Mehr als 1000 Kinder werden pro Jahr im CTK geboren. Tendenz steigend. Etwa zehn Prozent aller Geburten sind Frühgeburten. 30 bis 40 werden dabei als extrem unreife Frühgeborene mit einem Gewicht unter 1500 Gramm betreut.

So wie bei Luisa. Der Eingriff am 14. August 2015 klappt aber "relativ reibungslos", vielleicht dauert er ein bisschen länger als bei einem üblichen Kaiserschnitt, erinnert sich Jessica Volkmer. Die junge Mama muss sich jetzt erholen. Zwei Stunden vergehen. Zwischendurch kommt die Hebamme rein. Sie teilt ihr mit, dass das Kind nur 350 Gramm wiegt. Dann zeigt der Vater ein Handyfoto. Die grüne Wollmütze verdeckt den winzigen Kopf fast. Überall hängen Schläuche und Kabel am Körper. Die Windel - es ist das kleinste Modell, das es gibt - reicht ihr bis zur Brust. Nun darf sie selber zum Kind. "Das war ein Schockmoment. Die Haut war durchsichtig, man hat die Organe gesehen - wie so ein kleiner Alien", schildert Jessica Volkmer 15 Monate später.

26 Zentimeter Körperlänge

350 Gramm, 26 Zentimeter Körperlänge und ein Kopfumfang von 20 Zentimetern - Luisa ist das kleinste Lebewesen, das im Carl-Thiem-Klinikum je zur Welt gekommen ist. Dr. Georg Schwabe, Chefarzt der Kinderklinik am CTK: "Wir versuchen im Grunde, die Situation in der Gebärmutter zu imitieren. Im Bauch der Mutti ist es dunkel, still, und es herrscht keine Erdanziehungskraft." Bei der Einrichtung der Frühchenstation sei Wert auf leise schließende Schränke und Lichtschalter mit Dimmer gelegt worden. Die Pflegekräfte sind speziell für solche Fälle ausgebildet, wissen, wie sie die Frühchen im Brutkasten lagern müssen und lassen diese möglichst den Tagesrhythmus bestimmen, erläutert Schwabe. "Die Eltern sind keine Besucher, sondern werden von Anfang an in die Pflege ihrer Kinder einbezogen", sagt der Arzt.

Frieda aus Fulda noch leichter

Auch bundesweit gehört Luisa zu den kleinsten Neugeborenen. Das bekannteste deutsche Frühchen aber ist Frieda aus Fulda. Sie kam vor sechs Jahren mit 320 Gramm zur Welt. Jeweils etwas mehr als 60 000 Frühchen sind in den vergangenen beiden Jahren in Deutschland geboren worden. Frühgeboren heißt, dass das Kind vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt. Der Anteil der Babys, die dabei weniger als 500 Gramm wiegen, liegt bei etwa einem Prozent.

Luisa bringt heute 9,2 Kilogramm auf die Waage. Ihre Entwicklung ist bisher ohne größere Komplikationen verlaufen. Einen Magen-Darm-Infekt mit Fieberkrampf und die Blaulichtfahrt ins Krankenhaus übersteht sie genauso wie die anfängliche Belastung eines dauerhaft angeschlossenen Sauerstoffgerätes oder die ständige Überwachung mit einem tragbaren Monitor. Luisa, die "berühmte Kämpferin", macht ihrem Namen alle Ehre. Ab März kommenden Jahres geht Jessica Volkmer wieder arbeiten, Luisa kommt in den Liptener Kindergarten. Die liebevolle Fürsorge ist ihr dort sicher - nicht nur, weil ihre Oma die Einrichtung leitet. Luisas erstes Fotoalbum liegt immer noch geöffnet auf dem Wohnzimmertisch. Eingeklebt auf der ersten Seite ist auch die winzige Windel.

Zum Thema:

Der Bundesverband "Das frühgeborene Kind" kritisiert die Versorgungslage von Frühgeborenen in Deutschland. Das Land leiste sich im europä-ischen Vergleich zwar mit mehr als 220 die meisten Perinatalzentren, in denen kleine Patienten unter 1500 Gramm versorgt werden. "Doch nicht alle Standorte sind in der Lage, die für eine gute Frühgeborenenversorgung definierten Qualitätsziele zu erfüllen", sagt die Vorsitzende des Bundesverbandes Barbara Grieb. Insbesondere die Anforderung an die Anwesenheit eines Kinderarztes bei Frühgeburten, der die spezialisierte Versorgung der Frühchen sicherstellen soll, werde von Stationen, die im Jahr weniger als 20 Frühchen betreuen, auffällig oft nicht erfüllt. Auch fehle es an qualifiziertem Pflegepersonal auf vielen neonatologischen Stationen. "Untersuchungen belegen, dass die unzureichende Ausstattung mit eingearbeitetem Personal das Risiko für im Krankenhaus erworbene Infektionen mit multiresistenten Erregern ansteigen lässt", sagt Grieb. In Deutschland kommen jährlich etwa 60 000 Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche und damit zu früh zur Welt. www.fruehgeborene.dewww.perinatalzentren.orgwww.netzwerk-neonatologie.de