Ein Beobachter der nordischen Mission zur Überwachung des Waffenstillstands (SLMM) fand 19 Leichen. Die Tamilen-Rebellen der LTTE sprachen von mehr als 60 getöteten und rund 130 verletzten Schulmädchen. Nur Stunden später zündeten mutmaßliche LTTE-Kämpfer mitten im schwer gesicherten Zentrum der Hauptstadt Colombo eine Bombe. Von Verhandlungen mit der Regierung will die LTTE nichts mehr wissen. In Sri Lanka herrscht wieder Bürgerkrieg.
Dabei gilt zwischen den Befreiungstigern von Tamil Eelam (LTTE) und der Regierung eigentlich immer noch ein Waffenstillstand. Dass keine der Konfliktparteien das Abkommen von Anfang 2002 aufgekündigt hat, dürfte einzig auf internationalen Druck zurückzuführen sein. Der Vertrag ist das Papier nicht mehr wert, auf dem er geschrieben steht.

Kein Schutz für Zivilisten
Seit knapp drei Wochen eskalieren die Kämpfe, sie haben den Norden, den Osten und den Nordosten der Insel erfasst. Hunderte Menschen sind gestorben, darunter etliche Unbeteiligte - keine der beiden Seiten scheint den Schutz der Zivilisten besonders ernst zu nehmen.
Die Armee dementiert zwar, das Waisenhaus angegriffen zu haben, in dem laut LTTE Mädchen aus dem ganzen Distrikt Mullaitivu einen zweitägigen Erste-Hilfe-Kurs besuchten. Ein Militärsprecher räumte allerdings ein, dass die Luftwaffe Ziele in der Region bombardiert habe. Als es dem SLMM-Beobachter gelang, in das Gebiet vorzudringen, wurde klar: Das Blutbad war nicht nur der Fantasie der LTTE-Propagandaabteilung entsprungen. Der Internetdienst Tamilnet, das Sprachrohr der Rebellen, veröffentlichte furchtbare Fotos, die angeblich Kinderleichen zeigen.
Die schon zuvor kaum noch vorhandenen Hoffnungen auf eine friedliche Lösung des Konflikts sind nach dem Blutbad in Mullaitivu in weitere Ferne gerückt. Die LTTE dementiert inzwischen schlicht, dass sie der Regierung am Sonntag Verhandlungen anbot - ein kaum glaubwürdiges Dementi, das mündliche Gesprächsangebot war über die nordische Mission zur Überwachung des Waffenstillstands (SLMM) gemacht worden.

Humanitäre Katastrophe
Eine Ahnung von dem, was noch drohen könnte, vermittelte gestern der Bombenanschlag in Colombo. Militärisch ist die LTTE in die Enge getrieben. Nun könnte sie versuchen, den Konflikt in die Städte zu tragen - wie schon zu Zeiten des offenen Bürgerkrieges, der vor der Waffenruhe rund 69 000 Menschen das Leben kostete. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die LTTE in der Lage ist, weiche Ziele zu treffen und damit das ganze Land durcheinander zu bringen", sagt der Analyst Jehan Perera. "In der Vergangenheit ist es der LTTE gelungen, alle Verteidigungslinien zu durchbrechen und die Zentralbank, die Ölraffinerie und den internationalen Flughafen anzugreifen."
Bereits jetzt stehe Sri Lanka vor einer "humanitären Katas trophe großen Ausmaßes", warnt Perera. "Mehr als hunderttausend Menschen sind binnen zwei Wochen zu Flüchtlingen geworden. Das sind Menschen, die nicht erwartet hatten, dass der Krieg nach dem Waffenstillstandsabkommen zurückkehrt." Die Situation sei so schlimm wie zu den verheerendsten Zeiten des 20-jährigen Bürgerkrieges. Perera forderte die Konfliktparteien dringend dazu auf, Verhandlungen aufzunehmen und eine politische Lösung zu suchen. Dass sein Appell erhört werden wird, ist allerdings kaum wahrscheinlich.