Vier Wochen nach der Abstimmung rief López Obrador seine Anhänger bei einer Massenkundgebung am Sonntag dazu auf, Mexiko-Stadt zu besetzen, bis das Wahlgericht eine Entscheidung gefällt hat. "Wir bleiben Tag und Nacht hier, bis die Stimmen nachgezählt sind", sagte er unter dem Beifall von rund einer Million Anhänger. Der 52-Jährige, der laut der offiziellen Auszählung der Wahlbehörde IFE hauchdünn hinter dem konservativen Regierungskandidaten Felipe Calderón liegt, wiederholte seinen Vorwurf des Betrugs: "28 Tage nach der Wahl sind wir absolut sicher und haben genügend Beweise dafür, dass wir die Präsidentschaftswahl gewonnen haben." Die Demonstration war bereits der dritte Massenprotest gegen die Wahl vom 2. Juli.

Mahnung zu friedlichem Protest
Ab sofort sollen die Anhänger von López Obrador und seiner Linkspartei PRD an insgesamt 47 Stellen in Mexiko-Stadt ihre Lager aufschlagen und "ständige Versammlungen" abhalten, um den Druck auf das Wahlgericht TEPJF zu erhöhen. "An die Arbeit, verteidigen wir die Demokratie mit Taten”, rief der Linkskandidat seinen Sympathisanten zu. Er ermahnte seine Anhänger, dass der Widerstand friedlich bleiben müsse. Ob mit den ständigen Versammlungen auch Besetzungen und die befürchtete teilweise Lahmlegung der Hauptstadt einhergehen, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. Viele Anhänger des Linkskandidaten haben ihn am Sonntag jedenfalls genauso verstanden. In der Nacht zu gestern entstanden daher die ersten Zeltlager mitten auf den Hauptverkehrsachsen der Stadt. Auf der wichtigsten Ost-West-Verbindung "Reforma" wurden zunächst vier der sechs, später alle Spuren gesperrt. "Reforma soll sich in eine Fußgängerzone für die Demokratie verwandeln", sagte ein PRD-Abgeordneter.

Bislang keine Krisenanzeichen
Der erste Aufruf von López Obrador zum zivilen Ungehorsam vor zwei Wochen war weitgehend unbeantwortet geblieben. Das Leben im zweitgrößten Land Lateinamerikas ging bis zum Wochenende fast ungestört weiter und auch Anzeichen einer Wirtschafts- und Finanzkrise blieben in der größten Volkswirtschaft der Region bisher aus.
López Obrador hat gegen die Ergebnisse in 52 000 der landesweit 130 000 Wahllokale Beschwerde beim Wahltribunal eingelegt und fordert die manuelle Neuauszählung nicht nur der Stimmen aus diesen Wahllokalen, sondern die aller fast 42 Millionen Stimmen. Er vermutet einen organisierten Betrug bei der Präsidentschaftswahl, zu dem sich die Wahlbehörde IFE, die konservative Regierungspartei PAN und Amtsinhaber Vicente Fox verabredet haben. Nach der Endauszählung der Stimmen durch das IFE liegt PAN-Kandidat Calderón rund 240 000 Stimmen oder 0,58 Prozentpunkte vor López Obrador. Das Wahlgericht hat bis Ende August Zeit, die Beschwerden zu prüfen. Bereits vergangene Woche hatte der PRD-Politiker den Ton im Kampf um die mexikanische Präsidentschaft verschärft. Im Interview mit dem spanischsprachigen US-Fernsehsender Univisión erklärte sich López Obrador zum Staatschef: "Ich bin der Präsident Mexikos, trotz des staatlichen Betrugs vom 2. Juli.” Er sei der Kandidat, für den die Mehrheit der Mexikaner gestimmt habe, betonte er. Ein Sprecher der PAN bezeichnete die Selbsternennung Obradors als einen "Akt messianischer Überheblichkeit".

Anzeige gegen Wahlbehörde
Einen Tag zuvor hatte López Obrador zudem Strafanzeige gegen das neunköpfige Direktorium der Wahlbehörde IFE gestellt. Der Vorwurf gegen IFE-Chef Luis Carlos Ugalde und seine Mitarbeiter lautet, die Behörde habe Calderón unrechtmäßig zum Gewinner der Wahl vom 2. Juli erklärt. Dies dürfe nur das Wahlgericht TEPJF. Zudem sei das IFE im Wahlkampf nicht gegen diffamierende Werbespots gegen López Obrador und nicht gegen diejenigen privater Firmen für den unternehmerfreundlichen Calderón vorgegangen.