Von Andrea Hilscher
und Jenny Theiler

Andreas Dommasch (34) aus Bersteland (Dahme-Spreewald) ist vernarrt in seinen Sport. Zum Spielen kommt der Fußballfan allerdings nicht mehr regelmäßig: Sein Ehrenamt frisst zu viel Zeit. Nachdem er schon als 24-Jähriger bei Wacker Schönwalde leitende Funktionen übernommen hatte, wurde er vor sechs Jahren Beisitzer im damaligen Sportgericht des Fußballkreis Spreewald. Heute ist er Vorsitzender des Sportgerichts im fusionierten Fußballkreis Südbrandenburg – und bekommt von Jahr zu Jahr mehr zu tun. „Früher hatten wir im Jahr 25 bis 35 Fälle in allen Altersklassen, im letzten Jahr mussten wir 72 Urteile fällen, allein im Bereich des Herrenfußballs“, sagt Andreas Dommasch.

Nicht jeder Fall sei gleichermaßen nach Schema F zu verhandeln. „Irren ist menschlich“, sagt er, „und gerade bei jüngeren Spielern ist oft Unwissenheit dabei.“ Da fehlt eine Spielberechtigung, eine Sperre ist noch nicht abgelaufen, das könne alles mal passieren, da müsse man situationsbedingt nicht immer gleich zu Höchststrafen greifen, meint der Sportrichter. Immerhin kann es auf Kreisebene schon bis zu 100 Euro Strafe kommen, wenn ohne Spielberechtigung gekickt wird.

Mit derartigen Fällen kann Dommasch routiniert umgehen. „Gerade zum Saisonende häufen sich die Probleme“, sagt er. „Immer mehr Spieler sind verletzt oder gesperrt, da wird es für manche Vereine schon schwer, eine Mannschaft in Mindeststärke aufs Spielfeld zu bekommen.“

Das kann auch Hagen Gahner vom Fußballverband Oberlausitz bestätigen: „Das ist in jeder Saison ein Problem“, sagt der Vorsitzende des Sportgerichts. Vor allem grob unsportliches Verhalten und Tätlichkeiten gegenüber Spielern und Schiedsrichtern seien oft der Grund für Sperren und den daraus resultierendem Nichtantritt. Solche Fälle seien fast schon Alltag.

Weniger alltäglich ist das, was in der laufenden Saison bei einem Spiel zwischen zwei Altherren-Mannschaften in Südbrandenburg passiert ist. „Die sind plötzlich derart aufeinander losgegangen, dass eine beteiligte Mannschaft sich vom Spielbetrieb zurückgezogen hat. Letztlich saßen Täter wie Opfer ziemlich ratlos vor dem Sportgericht“, erzählt Dommasch. „Keiner konnte sich richtig erklären, wie es zu dem Streit gekommen war und allen Männern tat sichtlich leid, was da passiert war.“ Trotzdem mussten die Spieler und Vereine mehrere Sperren und Geldstrafen in Kauf nehmen.

An einen ähnlichen Fall erinnert sich auch Rene Müller, der Vorsitzende des Sportgerichts vom Fußballkreis Niederlausitz. Bei einem Kreisoberliga-Spiel – Guhrow gegen Briesen – kam es im November 2018 zu diskriminierenden Angriffen auf den Schiedsrichter. Für Guhrow gab es eine Platzsperre für zwei Spiele sowie eine Geldstrafe. Briesen musste für Zuschauerausschreitungen ebenfalls eine Strafe zahlen. „Abgesehen davon liegen uns in diesem Jahr sieben aktuelle Fälle vor, die aber alle schnell zu bearbeiten sind“, sagt Rene Müller. Dadurch, dass insbesondere Diskriminierungsdelikte mittlerweile härter bestraft würden, hätte sich auch das Klima in der niederlausitzer Sportlandschaft verbessert. „Rassismusdelikte haben wir zum Glück schon seit längerem nicht mehr verhandeln müssen. Auch die Diskriminierungsfälle sind in Cottbus und Umgebung schon merklich zurückgegangen“, sagt Rene Müller mit Blick auf die vergangenen Fußballspielzeit.

Grob unsportliches Verhalten sieht man auch in Sachsen mittlerweile weniger auf dem Spielfeld, dafür aber verstärkt unter den Zuschauern. „Besonders schlimm ist die Tatsache, dass Auschreitungen zwischen Zuschauern, Trainern und Schiedsrichtern auch verstärkt bei den Spielen der Nachwuchsmannschaften zu beobachten sind“, sagt Clemens Betka vom Fußballverband Westlausitz. So kam es im vergangenen Jahr bei einem Hallenturnier der Kreismeisterschaften in Königsbrück zu Handgreiflichkeiten unter den Eltern. „Vor zehn Jahren war soetwas die absolute Ausnahme. Mittlerweile kommen solche Vorfälle leider öfter vor“, sagt Clemes Betka. Unter den Männermannschaften seien hin und wieder rasisstische Äußerungen ein Problem. Das bloße Verhängen von harten Strafen reiche dennoch nicht aus. „Wir organisieren in solchen Fällen zusätzlich Gesprächsrunden zwischen den betreffenden Vereinen, damit die Konflikte sachlich und vernünftig mit Worten aus dem Weg geräumt werden können. Diese Gespräche sind bisher bei den Vereinen gut angekommen“, so Clemens Betka.

Das Thema Rassismus beschäftigt auch das Sportgericht im Fußballkreis Süd. Diese Saison wurden noch keine Zwischenfälle gemeldet, in den beiden Jahren davor musste sich das Gericht jeweils mit einem Fall von Rassismus auseinandersetzen. In einem Fall hatte ein älterer Mann im Publikum rassistische Sprüche von sich gegeben, der Verein wurde entsprechend sanktioniert. Auch in dem zweiten Fall gab es rassistische Zwischenrufe aus dem Publikum. „Aber der Verein hat sich so entschieden und glaubwürdig davon distanziert und engagiert sich nachweislich ganz stark in Sachen Integration von Flüchtlingskindern, dass dieser Umstand sich strafmildernd bei der Urteilsfindung ausgewirkt hat“, so Dommasch.

Inzwischen hat sich bei Funktionären und Spielern herumgesprochen, dass der Fußballkreis bei fremdenfeindlichen Zwischenfällen kein Pardon kennt und hart durchgreift. „Sollte es irgendwelche nachweislichen Anzeichen für rassistische Tendenzen geben, dann werden wir aktiv. Egal, um welchen Verein es geht“, sagt Dommasch.

Gründe, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, gibt es immer wieder. So gerät der Verein SV Blau-Weiß Lindenau immer wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit, weil in der dortigen Männermannschaft ein bekannter Rechtsradikaler mitspielt.

Mario Schicketanz, Vorsitzender vom Fußballkreis Südbrandenburg, sagt dazu: „Wir haben die Situation im Blick.“ Der Vorstand des Fußballkreises stehe im Austausch mit dem Verein, dem Fußballlandesverband und der Beratungsstrukturen des Landessportbundes LSB. „Dem Verein wurde Unterstützung angeboten, die er angenommen hat“, so Schicketanz. Insbesondere der LSB führte einen vertraulichen Beratungsprozess mit dem Verein. Zu Details gibt der Fußballkreis keine Auskünfte, sagt aber: „Der Verein hat interne Maßnahmen besprochen und umgesetzt.“