Der ehemalige Friedhofsverwalter Rolf Altknecht (68) erlebte den Albtraum mit eigenen Augen und vor allem Ohren.
Es ist noch ein kleiner idyllischer Friedhof, auf dem man sich gegenseitig grüßt, auch wenn man sich nicht kennt. Das Tor, die Wasserbecken, ja selbst die Glocke, mit der man einst zur abendlichen Schließung läutete, besitzen einen morbiden Charme, wurden hinübergerettet in unsere Zeit. Dank des ehemaligen Verwalters Rolf Altknecht. Seit 1960 wohnte er auch am Rande des 4,5 Hektar kleinen Gottesackers. Hier hat er über 40 Jahre Menschen kommen und gehen sehen, erfolgreich gegen Kaninchenplage und Modernisierungsbestreben gekämpft. Aber was er wenige Tage vor Totensonntag 1986 erlebte, ist wohl einmalig. "Ich lud gerade Fichtenzweige ab, mit denen wir Gräber zudecken wollten. Auf einmal hörte ich einen ohrenbetäubenden Lärm", berichtet er. Und dann glaubte er seinen Augen nicht zu trauen: "Eine tonnenschwere Diesellok war durch die Friedhofsmauer gerast und kam auf einem uralten Familiengrab zum Stehen." Schnell holte Rolf Altknecht seinen Fotoapparat. "Doch innerhalb kürzester Zeit sperrte die damalige Transportpolizei die Unfallstelle ab und nahm mir den Film weg", denkt er zurück. Am Abend gelangen ihm wenigstens noch zwei heimliche gemachte Not-Fotos. Er konnte beobachten, wie in mehreren Nacht- und Nebelaktionen mit einem Kran die Lok geborgen wurde. Die Mauer zog man notdürftig wieder hoch. N ichts sollte daran erinnern, dass eine Lok auf dem Schienenstrang, der unmittelbar am kirchlichen Friedhof vorbeiführt, entgleiste.
Doch zurück blieb der Trümmerhaufen vom Familiengrab Max Friedrich. Seit 1889 wurden hier Angehörige des Leipziger Industriellen bestattet. Ein riesengroßes Grabmal aus teurem Pirnaer Sandstein erinnerte daran. Erbe und Grabverwalter Dieter Kehling (71) bat in unzähligen Schreiben die Deutsche Reichsbahn, es wieder herzurichten. Rund 10 000 DDR-Mark hätte dies gekostet. Hätte. Denn nun begann ein nicht enden wollender Papierkrieg mit den Reichsbahnbehörden. 1988 bestattete Dieter Kehling hier den letzten Verwandten: die Tante Charlotte.
Nach der Wende nahm der Geschädigte einen erneuten Anlauf und hatte nun bei der Deutschen Bundesbahn Glück. Sie ließ 1994 die Grabstelle mit dem inzwischen knapp 41 000 D-Mark teuren Sandstein originalgetreu herrichten.
Seitdem herrscht wieder Frieden auf dem Plagwitzer Gottesacker. Auch Rolf Altknecht ist nun in den Ruhestand gegangen. Aber ab und zu geht er noch auf "seinem" Friedhof spazieren, schaut nach dem Rechten. Und nur das sehr helle Sandsteingrabmal inmitten der urigen, verwitterten, teils herrschaftlichen Familiengräber zeugt noch von Deutschlands wohl ungewöhnlichster Störung der Ruhe eines Toten.