"Schröder spricht nicht für alle Deutschen."
 Angela Merkel,
CDU-Vorsitzende


Friedensbekenntnisse werden in Deutschland zurzeit nicht nur bei Demonstrationen abgegeben. Eine Dessauer Bäckerei zum Beispiel bietet "Amerikaner" mit dem traditionellen Zeichen der internationalen Friedensbewegung zum Verkauf an.Inzwischen steht fest, dass Merkel aber nicht nur gut sprechen, sondern anscheinend auch gut schreiben kann. Und zwar so, dass sie jede Menge Beachtung findet.
Gezeigt hat die Ostdeutsche dies am Donnerstag mit einem Beitrag in der amerikanischen Zeitung "Washington Post". Überschrift: "Schröder spricht nicht für alle Deutschen." Kein Kanzler hat bislang für alle Deutschen gesprochen, das steht fest. Weniger der Inhalt ist also der Aufreger im Berliner Politikbetrieb, sondern eher die Tatsache, dass die CDU-Vorsitzende mit einer guten, alten deutschen Tradition gebrochen hat. Sagen jedenfalls eine verärgerte Regierung und Merkels Konkurrenz von SPD und Grünen.
Einen Beitrag zur Irak-Frage und zur deutschen Position verfasste sie für das amerikanische Blatt. Man muss wissen, morgen fliegt Merkel für fünf Tage in die USA. Dort wird sie Vizepräsident Richard Cheney, Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld treffen. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz vor zwei Wochen ist den Strategen um US-Präsident Bush nicht verborgen geblieben, dass in der Irak-Frage zwischen Regierung und Opposition ein tiefer Graben verläuft. In dem Artikel hat die CDU-Vorsitzende ihre in den USA sicherlich gern gehörte Position für alle lesbar also noch einmal verdeutlicht. Darin greift sie die Haltung von Gerhard Schröder scharf an und wirft dem Kanzler vor, aus "Wahlkampfmotiven" die wichtigsten Lehren deutscher Politik zu verletzen - nämlich, dass Deutschland nie wieder einen deutschen Sonderweg beschreiten dürfe. K rieg verteidigt sie als "letztes Mittel". Schaut man genau hin, hat die Christdemokratin allerdings nur ihren bekannten Ärger über den Kurs des Kanzlers wiederholt. Viel Lärm also um Nichts?
Das sieht die Koalition anders. Eine Kritik über das Ausland sei "nicht üblich", kommentierte gestern Regierungssprecher Bela Anda. Sieht man mal von Franz-Josef Strauß ab, der sich zu seinen besten Zeiten an den Ehrenkodex auch nicht hielt, stimmt das - öffentlich ist im Ausland eiserne Zurückhaltung geboten, was Bewertungen der heimischen Regierung angeht. SPD-Fraktionschef Franz Müntefering wetterte daher, Merkel bereite ihre USA-Reise "mit einer Diffamierung" und einem "Bückling gegenüber der US-Administration" vor. Grünen Fraktionschefin Karin Göring-Eckardt sah in dem Beitrag eine "geschmacklose Anbiederei" Merkels. Sie füge dem Ansehen Deutschlands schweren Schaden zu.
Die Gescholtene und ihre Parteifreunde schießen hingegen nicht nur zurück, sie klopfen sich sogar auf die Schulter.
Selbst Merkels innerparteilicher Widersacher, Hessens Ministerpräsident Roland Koch, applaudiert ehrfurchtsvoll angesichts des taktischen Winkelzuges seiner Vorsitzenden, angesichts der Falle, die sie der rot-grünen Koalition gestellt hat und in die die Regierenden prompt getappt sind. Soll heißen, der Angriff auf den Kanzler über den amerikanischen Umweg war offensichtlich eine kalkulierte Provokation, um Beachtung und Aufmerksamkeit für ihren USA-Trip zu erzielen - in der Heimat, wohl aber auch in den Vereinigten Staaten, wo sie fast gar nicht bekannt ist. Was Merkel wollte, ist ihr also gelungen.