Von André Bochow

Frank Tempel ist nicht mehr in der Bundestagsfraktion. 2017 reichte Listenplatz 4 in Thüringen nicht. Auch mit dem Versuch Bundesgeschäftsführer zu werden, ist Parteivorstandsmitglied Tempel im Juni knapp gescheitert.  Jetzt sagt er, die Linke befinde sich „in einem Zustand, der ohne Weiteres zur Spaltung führen kann.“  Der gelernte Polizist nennt im MDR Ross und Reiter. „Sahra Wagenknecht betreibt, auch über ihre Sammelbewegung ‚aufstehen‘ rigoros den Versuch einer Korrektur bisher beschlossener Flüchtlingspolitik und wird dafür genauso rigoros bekämpft.“

So offen sind die wenigsten  Genossen, denen Sahra Wagenknecht in der Fraktion vorsteht. Wenn man verspricht, keine Namen  zu nennen, hört man Sätze wie: „Ich habe die  Schnauze so was von voll!“ Von physischer und psychischer Zerrüttung  wird berichtet. Oder davon, dass Wagenknecht kaum Fraktionsarbeit leiste und alles ihrem Ko-Vorsitzenden Dietmar Bartsch überlässt. Die Wagenknecht-Anhänger klagen über „Inszenierungen“ und „Intrigen“. Hat nicht Parteichef Bernd Riexinger angekündigt, die populäre Fraktionsvorsitzende zermürben zu wollen? Nun könne man ja sehen, wie das läuft.

„Natürlich gibt es auch persönliche Animositäten und Empfindlichkeiten“, sagt Fraktionsgeschäftsführer Jan Korte.  Aber es steckt eben viel mehr hinter dem Streit. „Wir haben insgesamt eine Auseinandersetzung darüber, wie wir uns strategisch aufstellen wollen“, meint Korte.  „Das betrifft auch Fragen, die in der gesamten Gesellschaft gestellt werden. Nach den Folgen von Globalisierung, nach Migration und nach der Zukunft Europas.“

Der Konflikt schwele schon lange, meint  Albrecht von Lucke von der Redaktion „Blätter für deutsche und internationale Politik“. Die Ironie bestehe darin „dass die Realos zu Fundamentalisten in der Flüchtlingsfrage geworden sind, während Wagenknecht und Co. hyper-realpolitisch und zugleich linkspopulistisch auf die AfD-Wähler zugehen.“  Bislang konnte man sich auf den Gegner SPD konzentrieren.  „Nun aber stürzen sich die Linken wieder auf die inneren Konflikte. Und das könnte ihr Ende sein.“

Jan Korte ist naturgemäß optimistischer.  Er sieht die  Gefahr einer Spaltung nicht. Aber er mahnt. „Dass es eine Partei links von der SPD  überhaupt gibt, ist eine einmalige historische Leistung. Mit der darf man nicht spielen. Niemand darf das.“ Niemand?  Früher hätte man Sahra Wagenknecht aus taktischen Gründen gewählt, erzählt eine Genossin.  Nun würden viele sagen: „Ist mir egal“. Es müsse sich etwas ändern. Nur was? Wagenknecht ablösen und vielleicht Kipping und Riexinger gleich mit? Schmeißt Wagenknecht demnächst hin? „Ich gehe überhaupt nicht davon aus, dass das passieren wird“, sagt Jan Korte. „Ob es einem gefällt oder nicht: Sahra hat einen großen Popularitätswert in der Bevölkerung. Aber für alle Abgeordneten, auch für Sahra Wagenknecht, gilt: Sie haben die Interessen der Fraktion und der Partei zu vertreten. Punkt.“

Kommentar Streit um Sahra Wagenknecht Die linke Krankheit