Die Zahl der glühenden Anhänger von Alexis Tsipras dürfte sich in Deutschland eher in Grenzen halten. Im Rahmen seines Antrittsbesuchs in Berlin traf der griechische Premier am Mittag zwei von ihnen zum vertraulichen Gespräch - Katja Kipping und Gregor Gysi. Die Parteivorsitzende und der Fraktionschef der Linken sind dem umstrittenen Mann aus Athen besonders eng verbunden - immerhin betrachten sich die deutsche Linke und Tsipras' Syriza als Schwesterparteien.

Im Anschluss an die gut einstündige Unterredung in einem Berliner Nobelhotel sparte Gysi vor Journalisten nicht mit Solidaritätsbekundungen. Der neue Mann in Athen sei "ein Glücksfall für Europa", schwärmte er. Die "eigentliche politische Auseinandersetzung", so Gysi weiter, bestehe darin, dass bis auf Griechenland sämtliche Euro-Staaten "den neoliberalen Kurs fortsetzen" wollten. Soll heißen: Die Bösewichter sitzen überall, nur nicht in Athen. Auch sei es ja nicht so, dass Griechenland keine konkreten Reformvorschläge unterbreite, ergänzte Kipping. Wenn es in diesem Zusammenhang jedoch um mehr Steuergerechtigkeit und höhere Lasten für Reiche gehe, dann liege das "offenbar nicht im Interesse" der Geldgeber, meinte Kipping.

Dabei hatte die Große Koalition in Berlin zuletzt immer wieder gefordert, Tsipras müsse die Reichen in Griechenland endlich stärker zur Kasse bitten. Entsprechende Maßnahmen sollen nun in einer "Reformliste" enthalten sein, die die griechische Regierung der Euro-Gruppe bis zum kommenden Montag offiziell übermitteln will. Ein solches Programm ist die Voraussetzung für weitere Finanzspritzen, ohne die Griechenland wohl schon in Kürze pleite wäre.

Diesen Zusammenhang hatte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) dem griechischen Gast bereits am Dienstagmorgen noch einmal eindringlich klar gemacht. Gut, dass sich die Tonlage zwischen Berlin und Athen verbessert habe, meinte Steinmeier nach dem Treffen. Dies sei aber "noch nicht die Lösung für die finanzpolitischen Konflikte, die es gibt".

Auch zwischen Tsipras und der deutschen Linken herrscht allerdings nicht nur eitel Sonnenschein. Dass der Grieche im Rahmen seiner Reformen eine Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre anpeilt, während die deutschen Genossen im eigenen Land derlei mit Abscheu und Empörung quittieren, ist dafür ein Paradebeispiel.

"Über die Rente mit 67 haben wir nicht gesprochen", beschied Gysi knapp. Derweil reichte Kipping den Schwarzen Peter an die EU weiter. Es gebe einen enormen ökonomischen Druck auf die neue griechische Regierung. Einzelne Vorschläge wolle sie daher nicht bewerten, so Kipping gegenüber der RUNDSCHAU.

Auch die Tatsache, dass Tsipras daheim mit einer rechtspopulistischen Partei koaliert, bringt die deutsche Linke immer wieder in Erklärungsnot. Darüber sei nur "sehr kurz mit Tsipras gesprochen worden, erklärte Gysi auf Nachfrage. "Dass die uns nicht besonders liegt, weiß er", setzte er noch kleinlaut hinzu.

Am Dienstagnachmittag kam Tsipras noch mit den Vorsitzenden der Grünen, Simone Peter und Cem Özdemir, zusammen. Zumindest für Peter dürfte der Neuigkeitswert nicht übermäßig groß gewesen sein. Sie hatte Tsipras schon vor knapp einem Monat während einer Stippvisite in Athen persönlich kennengelernt.

Zum Thema:
Ein Gericht in Athen hat den früheren sozialistischen Finanzminister Giorgos Papakonstantinou zu einer einjährigen Haftstrafe auf Bewährung und Geldzahlung verurteilt. Das berichtete das staatliche griechische Fernsehen. Papakonstantinou soll 2010 aus einer Datei griechischer Steuersünder mit Geldeinlagen in der Schweiz die Namen von Verwandten gelöscht haben, bevor er sie der Steuerfahndung übergab.