Doch auch dafür hat der ehemalige Chef-Sozialdemokrat eine Erklärung: In letzter Zeit sei das Linksbündnis wohl zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen.
Dieser Zustand wird noch mindestens bis zum 16. Juni andauern. Dann soll in Berlin der Zusammenschluss von Linkspartei, vormals PDS, und "Wahleralternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit", kurz WASG, feierlich über die Bühne gehen. Die entscheidenden Weichen dafür werden allerdings schon am kommenden Wochenende gestellt. "In Dortmund schlägt die erste Stunde der Wahrheit", erklärt Linksparteichef Lothar Bisky, der die neue Partei als Doppelspitze mit Lafontaine in eine lichte Zukunft führen soll. In der Dortmunder Westfalenhalle müssen PDS und WASG in getrennten Delegiertensitzungen über den Verschmelzungsvertrag und die programmatischen Eckpunkte abstimmen.
Was die ostdeutsch sozialisierte PDS angeht, so wagt sie sich erst zum zweiten Mal mit einem Parteitag in den Westen. Das erste Treffen vor sieben Jahren in Münster ist vielen Genossen noch in schlechter Erinnerung. Eine Mehrheit der Delegierten versagte damals ihrer Führung bei wichtigen Beschlüssen die Gefolgschaft. So markierte Münster den Anfang vom Ende der PDS-Bundestagsfraktion im Wahljahr 2002.
Auch die Heerschau in Dortmund ist nicht frei von Spannungen, was aber weniger mit der vormaligen PDS zu tun hat, sondern mit der WASG. Das von frustrierten West-Sozialdemokraten und Gewerkschaftern initiierte Gebilde verstand sich zunächst als Protestbewegung gegen die Hartz-Gesetze der Schröder-Regierung.
Mit der vorgezogenen Bundestagswahl im Herbst 2005 reifte dann in beiden Parteivorständen die Einsicht, nur gemeinsam in den Bundestag einziehen zu können. Und das Wahlergebnis von 8,7 Prozent gab ihnen Recht. Allein an der WASG-Basis grummelte es vernehmlich weiter. Besonders die ostdeutschen Landesverbände fürchteten, von der PDS "geschluckt" zu werden, gegen deren vermeintlich "neoliberale Politik" etwa im rot-roten Berliner Senat sie sich doch erst gegründet hatten. Mittlerweile ist der Widerstand weitgehend erlahmt. Aber die Skepsis ist geblieben.
Das zeigt sich schon an den Parteitagsunterlagen der WASG. Die Zahl der Änderungsanträge ist um ein Vielfaches höher als bei den Kollegen von der Linkspartei. "Das kann man alles gar nicht lesen, geschweige denn verstehen", spottet man im Karl-Liebknecht-Haus. Für PDS-Geschäftsführer Dietmar Bartsch ist schon aus zeitlichen Gründen klar, "dass wir nicht jede Debatte in Dortmund führen können".
Zu den zentralen Forderungen der WASG-Basis gehört eine radikale Ablehnung jeglicher Militäreinsätze auch unter Uno-Dach sowie der faktische Ausschluss von Regierungsbeteiligungen. Das von beiden Parteivorständen ausgearbeitete Programmpapier lässt hier deutlich mehr Interpretationsspielraum zu.
Zwar gelten Korrekturen nur als angenommen, wenn sie von beiden Parteitagen gebilligt werden. Für den Verschmelzungsvertrag ist aber am Ende jeweils eine Dreiviertel-Mehrheit notwendig. Das Programm selbst soll erst nach der Fusion bis zur nächsten Bundestagswahl im Jahr 2009 ausformuliert werden.
Angesichts dieser Unwägbarkeiten ziert sich Lafontaine noch mit einer offiziellen Bekanntgabe seiner Co-Kandidatur für den Parteivorsitz: "Ich möchte erst die Ergebnisse der Parteitage und deren Programmbeschlüsse abwarten."