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| 10:08 Uhr

Liedermacher Pittkunings: "Die Kultur trägt ein Volk nicht allein"

Sorbischunterricht an einem Bautzener Gymnasium – für den Liedermacher Bernd Pittkunings sind solche Projekte an Lausitzer Schulen ein wichtiger Bestandteil für den Erhalt der sorbischen Sprache.Bernd Pittkunings lernte erst mit 26 Jahren die sorbische Sprache.
Sorbischunterricht an einem Bautzener Gymnasium – für den Liedermacher Bernd Pittkunings sind solche Projekte an Lausitzer Schulen ein wichtiger Bestandteil für den Erhalt der sorbischen Sprache.Bernd Pittkunings lernte erst mit 26 Jahren die sorbische Sprache. FOTO: privat
Heute wird zum neunten Mal der Internationale Tag der Muttersprache gefeiert. Er wurde von der Unesco ausgerufen, um die sprachliche und kulturelle Vielfalt sowie Mehrsprachigkeit zu fördern. Denn etwa die Hälfte der rund 6000 Sprachen auf der Welt ist vom Aussterben bedroht. Auch die Sorben in der Lausitz kämpfen um den Erhalt ihrer Sprache. Der 48-jährige Liedermacher Bernd Pittkunings spricht im Interview mit der RUNDSCHAU über seine Liebe zur sorbischen Sprache und über die Probleme, vor denen diese heute steht. Mit BERND PITTKUNINGS sprach Dana Schülbe

Herr Pittkunings, Sie sind im Unterspreewald als Kind deutscher Eltern aufgewachsen, bezeichnen sich selbst aber als Sorbe. Wie kommt das?
Zuhause haben wir weder Sorbisch noch Hochdeutsch, sondern Spreewälder Dialekt gesprochen. Der letzte Gottesdienst auf Sorbisch fand in unserer Kirchengemeinde Groß Leuthen 1827 statt. In einer Vertretungsstunde in der Schule hat unser Direktor irgendwann erzählt, dass in unserem Ort um 1800 kaum einer Deutsch gesprochen hat. Das hat mich dazu inspiriert, Sorbisch zu lernen. Die Gelegenheit dazu bekam ich, als ich bei der Post lernte, über die Erwachsenenbildung. Und im Jahr 1989 habe ich dann aus einer bestimmten Gelegenheit heraus gesagt: Ich bin Sorbe.

Was war passiert?
Beim sorbischen Studententreffen in Bautzen sollte ich das erste Mal zwei Lieder auf Obersorbisch singen. Vor dem Saal, in dem das Treffen stattfand, standen etwa 30 Neonazis, und die riefen immer wieder „Sorben und Kommunisten vergasen und erschießen“ . An diesem Tag wurde zufällig eine Liste herumgegeben, in der auch gefragt wurde, ob man Deutscher, Sorbe, Halbsorbe, Halbdeutscher oder irgendwas sei. Da habe ich mir gesagt, wenn ich die da draußen sehe, dann bin ich Sorbe. Wäre das nicht passiert, hätte ich wohl immer gesagt, ich bin Spreewälder oder Lausitzer. Dass ich Sorbisch kann, hätte ich nicht mit einer Nationalität verbunden.

Was sehen Sie als Ihre Muttersprache an?
So richtig kann ich das nicht beantworten. Meinen Heimatdialekt spricht in der Cottbuser Gegend niemand, und so verliert er sich bei mir. Wenn es danach geht, welche Sprache in mir verwurzelt ist, dann ist es Niedersorbisch. Ich denke Niedersorbisch und mache mir in dieser Sprache Notizen. Das geht schneller, als Deutsch zu schreiben. Ich zähle aber Obersorbisch und rechne Deutsch, weil ich Rechnen in der Schule gelernt habe.

Sie singen Deutsch und Sorbisch. Was unterscheidet die Arbeit mit den beiden Sprachen?
Mir war das früher selbst nicht bewusst. Aber auf einem Konzert haben mir ein paar Sorben gesagt, dass meine sorbischen Lieder nicht so hart klingen. Es ist eine viel weichere Sprache. Manche Sachen fallen mir aber einfach nur auf Deutsch ein, weil ich die Sorbisch nicht ausdrücken kann. Wie zum Beispiel das Wort „gemütlich“ , das gibt es nicht. Ich kann nur „angenehm“ oder „nett“ sagen. Dafür ist das Sorbische manchmal genauer. Zum Beispiel haben wir drei Worte für „schneiden“ , bei denen schon das Verb ausdrückt, was geschnitten wird.

Was bedeutet die sorbische Sprache für das sorbische Volk?
Sie spielt die entscheidende Rolle. Es stimmt, dass die sorbischen Bräuche alle wichtig sind, sie gehören mit dazu. Aber in meinem Heimatdorf gehen die Leute auch Zampern und stellen den Maibaum auf. Die Leute wissen, dass das sorbische Bräuche sind, würden sich aber deshalb nicht als Sorben bezeichnen. Die Kultur trägt ein Volk zwar eine Weile, aber nicht allein. Die Sprache muss sein, denn sie ist auch eine andere Art zu denken. Es gibt ein Sprichwort, das sagt, so viele Sprachen du sprichst, so oft bist du ein Mensch – weil du eben jedes Mal anders denkst.

Aber in vielen Familien, vor allem in der Niederlausitz, wird nicht mehr Sorbisch gesprochen.
Deshalb ist es wichtig, dass in Kindergärten und Schulen Sorbisch gelehrt und gesprochen wird. Ich habe zum Beispiel Freunde, die sagen, meine Oma spricht Sorbisch. Ich kann es zwar nicht, aber mein Kind geht in den sorbischen Kindergarten. Die geben sich wenigstens Mühe, die Sprache zumindest ein Stück weit zurückzuholen.

Die Sprache zurückholen, das klingt, als würden viele Eltern sie gar nicht mehr können?
Ja, das ist so. In der Generation meiner Mutter können zwar noch viele Sorbisch/Wendisch verstehen, haben aber aus verschiedenen Gründen die Weitergabe der Sprache abgelehnt. Nach der Nazizeit wollten viele Deutsche sein und gaben ihre Identität auf. Bei den unter 70-Jährigen wenden viele die Sprache nicht aktiv an. Ich kenne zum Beispiel nur zwei Männer, die Zuhause mit ihren Enkeln Niedersorbisch reden.

Fehlt den Sorben in der Niederlausitz also das Selbstbewusstsein, sich zu ihrer Herkunft zu bekennen?
Jedenfalls sehr oft. Das merkt man deutlich, wenn man im katholisch-sorbischen Gebiet jemanden fragt, ob er Sorbe oder Deutscher ist. Dann antworten die meisten: Ich bin Sorbe und habe einen deutschen Pass. So wie ich das auch mache. Die meisten hier in der Niederlausitz würden sagen, ich bin Deutscher, aber ich kann ein bisschen wendisch.

Wie kann trotzdem die Sprache gestärkt werden?
Wichtig ist, dass die Menschen zu Hause Sorbisch sprechen. Nur so erleben die Kinder, die die Sprache in der Kita oder Schule lernen, dass Sorbisch nicht tot, sondern noch lebendig ist. Ich vermisse aber, dass die Eltern, die ihre Kinder in die sorbischen Witaj-Gruppen schicken, nicht mitlernen. Und wenn es nur ein paar Wörter sind. Das motiviert die Kinder doch mehr. Zum anderen erwarte ich aber auch von Sorbischschülern, dass sie auf Menschen zugehen, die noch Sorbisch sprechen. Das wird oft vergessen. Wenn ich zum Beispiel nur Englisch-Unterricht habe, kann ich immer noch kein Englisch reden. Ich muss wenigstens mal ein englisches Buch gelesen oder mit jemandem Englisch gesprochen haben. Mit dem Sorbischen ist es genauso. Nur nimmt das kaum jemand ernst, weil Sorbisch einfach nicht den Status hat wie Englisch.

Also ist die fehlende Praxis das Hauptproblem der Sprache?
Nicht nur. Von den äußeren Gegebenheiten ist es sehr schwierig, Sorbe zu sein. Wenn in der Kaufhalle oder in der Verwaltung keiner Sorbisch versteht, hebt das das Ansehen der Sprache nicht. Weil es in der Lausitz keine Arbeit gibt, gehen viele junge Sorben weg und schaffen es in der Fremde nicht, die Sprache zu erhalten. Wenn deutsche Jugendliche weggehen, ist das traurig aufgrund der Überalterung. Aber die Sprache geht davon nicht kaputt. Die deutsche oder englische Sprache war noch nie bedroht oder im eigenen Land verboten. Darin liegt die Schwierigkeit, zu verstehen was uns die Sprache bedeutet. Ungarn-Deutsche zum Beispiel wissen sofort, was es bedeutet, wenn wir sagen, wir brauchen unbedingt sorbischen Unterricht. Die Deutschen in Deutschland wissen das meistens nicht.

Es gibt auch Bands, die Sorbisch singen. Modernisiert das die Sprache und macht sie für Jugendliche interessanter?
Auf jeden Fall. Ich finde es total klasse, dass „Awful Noise“ oder andere Bands in der Oberlausitz meist dreisprachig singen – Sorbisch, Englisch und Deutsch. Und sie singen moderne Sachen wie Heavy Metal. Da gehen Jugendliche auch zu den Konzerten, weil sie sich sagen: Die sind genau wie wir.

Glauben Sie, dass durch die Abwanderung die sorbische Sprache irgendwann aussterben könnte?
Wer weiß das schon. Es gab schon immer die Sorge, dass die sorbische Sprache ausstirbt. Ein Drittel unserer Volkslieder beschäftigt sich damit. Das ist sehr interessant. Seit jeher bewegt das die Menschen.