Das ärmlich aussehende Dorf Sarawa liegt an einer matschigen Straße, irgendwo zwischen Zuckerrohrfeldern im nordindischen Uttar Pradesh. Bislang war es ein verschlafener Ort, in dem Hindus und Muslime seit Jahrzehnten gut zusammen wohnten. Doch seit einigen Monaten ist das Dorf ein Unruheherd, zwischen den Religionsgemeinschaften haben sich tiefe Gräben aufgetan.

Denn radikale Hindus sagen, in Sarawa gebe es einen exemplarischen Fall von Liebes-Dschihad. Sie meinen damit, dass muslimische Männer hinduistische Frauen gezielt verführen, heiraten und dann so lange Druck ausüben würden, bis diese zum Islam konvertierten. Die Kampagne, so der Vorwurf, führe dazu, dass die Zahl der Hindus in Indien abnehme. Dabei stellen Hindus die klare Mehrheit in Indien; etwa 180 Millionen Menschen unter 1250 Millionen Indern sind Muslime.

Die 20-Jährige im Zentrum der Kontroverse in Sarawa erzählt die Geschichte so: "Ich wurde zu verschiedenen Madrasas (islamische Schulen) geschleppt und dort sexuell attackiert, gefoltert und zur Muslima gemacht." Ihr sei ein Platz im Himmel versprochen worden, wenn sie konvertiere, sagt die junge Frau, während sie im Innenhof ihres Hauses sitzt und in der brütenden Hitze Fliegen davonwedelt. Als sie aber erfuhr, dass sie mit einem Mann im Nahen Osten verheiratet werden sollte, sei sie geflohen.

Das war vor einigen Wochen. An diesem Wochenende ging die junge Frau zur Polizei und erklärte, ihre Aussage sei falsch gewesen. Sie liebe den Mann, und ihre Familie habe sie zu der Aussage gedrängt - wohl, weil sie die Beziehung nicht guthieß. Seitdem ist die Frau verschwunden. Ihr Vater ist außer sich vor Wut. "Sie wurde bedroht und einer Gehirnwäsche unterzogen", sagt er. Alles sei eine große Verschwörung.

Trotz der ungeklärten Sachlage stürzten sich die regierende Partei BJP und ihr verbundene rechtsgerichtete Organisationen auf den Fall. Dieses Vorgehen habe System, sagt Atul Sharma, Chefin der Frauen- und Kinderrechtsorganisation Sankalp in Uttar Pradesh. "Die Rechten picken sich einzelne Fälle von mutmaßlichem Betrug und Frauenfeindlichkeit heraus und geben ihnen einen religiösen Anstrich", sagt sie. "Das wird gemacht, um bei Wahlen die Stimmen von möglichst vielen Hindus zu bekommen."

Und Wahlen gibt es in der riesigen Demokratie genug. Erst am Mittwoch wurden Regionalwahlen in zwei Bundesstaaten abgehalten. Wie Sharma stellen viele Politikbeobachter fest, dass Hardliner vor den Abstimmungen mehr Spielraum haben, seit die Zentralregierung von der hindu-nationalistischen BJP mit Regierungschef Narendra Modi geführt wird. "So soll eine Dominanz der Hindus etabliert werden", befürchtet Jasim Mohammad vom Forum für Muslimische Studien und Analysen.

Auch Frauenrechtlerin Rehana Adeeb meint, der sogenannte Liebes-Dschihad sei Teil einer größeren Kampagne. Die Rechten kämpften nicht nur gegen interreligiöse Ehen und warnten auf Flugblättern vor Dates mit Muslimen, sondern schlössen Muslime zum Beispiel auch von Tanzveranstaltungen aus. Gruppen mit Namen wie "Ghar Wapsi" (Heimkehr) versuchten, die Menschen, die zum Christentum oder Islam konvertiert seien, wieder zu Hindus zu machen.

Eine dieser Organisationen ist der Welt-Hindu-Rat. Balraj Dungar, ein Mitglied, zieht für den Vishva Hindu Parishad durch das Land und hält "Aufklärungskampagnen" ab. Nach dem Übertritt der Hindu-Frauen zum Islam würden die Männer mit ihnen ein halbes Dutzend Kinder zeugen, sagte er jüngst in Meerut, gar nicht weit vom Dorf Sarawa entfernt. "Wenn die Muslime dann in der Mehrheit sind, werden sie über uns herrschen."

Derartige Aufstachelungen schlagen immer wieder in Gewalt um. Vor einem Jahr wurden bei Angriffen auf Muslime in Muzaffarnagar mehr als 60 Menschen getötet, 40 000 Menschen mussten aus ihren Häusern flüchten. Viele, wie der zwölfjährige Munawwar Malik, verloren damals auch Freunde. Die Mitglieder der religiösen Gemeinschaften gehen sich seitdem aus dem Weg. "Früher haben wir Feste zusammen gefeiert und Kricket gespielt", sagt er. "Jetzt nicht mehr. Jetzt spielen wir auf verschiedenen Feldern."