Zum zweiten Mal binnen vier Wochen gingen am Samstag tausende Menschen gegen einen Krieg im Irak in Berlin auf die Straße. Kerzen, Teelichter und Laternen leuchteten in der abendlichen Millionenstadt. Quer durch die Stadt standen die Menschen bei der 35 Kilometer langen Lichterkette Hand in Hand: Rentner, die selbst noch den Krieg kennen lernen mussten, junge Familien, Studenten, Christen. So eine lange Lichterkette habe es weltweit noch nirgendwo gegeben, sagten die Veranstalter gestern.
Die über 100 000 Menschen wollten gemeinsam ein Zeichen gegen Krieg und Gewalt setzen - vom westlichen Spandau durch das Brandenburger Tor bis ins östliche Hellersdorf. Ein Moment der Stille und Nachdenklichkeit setzte ein, als um 20 Uhr zahlreiche Kirchenglocken entlang der leuchtenden "Achse für den Frieden" ertönten und die Menschen ihre Lichter in den Himmel hielten.
Genau vor vier Wochen waren in Berlin rund eine halbe Million Menschen bei einer der größten Friedensdemonstrationen der Nachkriegszeit auf die Straße gegangen. Mit einer solchen Teilnahme hatte niemand gerechnet. Nun kamen wiederum viermal mehr Menschen als erhofft. In manchen Straßen standen die Leute in Zweierreihen. Offenbar hat die große Friedensdemo vom Februar einen Schub ausgelöst.
Am Boulevard Unter den Linden versammelten sich Tausende, um ihrem Unmut gegen die Kriegsgefahr Luft zu machen. Auch an der amerikanischen Botschaft gab es ein Lichtermeer. Der flammende Schriftzug "No War" leuchtete weithin sichtbar. Aus Lautsprechern erklang das alte Anti-Kriegs-Lied "Blowing in the wind". Für den 21-jährigen Kai Kühne, mit einer regenbogenfarbenen Fahne um die Schultern, war der Abend zugleich ein Aufbruch. Er fährt mit seinen Brüdern in den Irak: "Mit unserem Friedensbus wollen wir den Kindern dort Spenden, Briefe und Bilder bringen." Er habe das Gefühl gehabt, etwas tun zu müssen.
Dieses Gefühl hatten am Samstagabend auch Kriegsgegner in Frankfurt am Main. 900 Menschen demonstrierten vor der US-Airbase am Rhein-Main-Flughafen gegen den drohenden Krieg. Für die Sitzblockade vor dem Haupttor des amerikanischen Militärflughafens breiteten die Teilnehmer Decken, Kissen und Strohsäcke aus. Kartenspiele wurden herausgeholt, Brote geschmiert, eine Dreierkombo machte Musik.
Gegen 14 Uhr kam die Aufforderung von der Polizei, das Gelände zu verlassen. Nach mehr als zwei Stunden und zahlreichen Aufforderungen rückten die ersten Polizei-Trupps in Zweierreihen an. Unter Protesten der Kriegsgegner wurden Demonstranten weggetragen. Viele packten ihre Sachen zusammen, es wurde dunkel und immer kälter. "Wir haben unser Ziel erreicht und Sand ins Getriebe gebracht", resümierte ein Sprecher der Friedensgruppe "resist", die zu dem Protest aufgerufen hatte.