Angela Merkel macht das oft. Vor Krisentreffen mahnt sie gern, man solle keine Erwartungen hegen. Schließlich bewegt sich doch etwas. Und kommt dann auch nur ein Hauch von Hoffnung auf, wirkt das schon wie ein Erfolg. So beim EU-Gipfel in der Nacht zum Freitag. "Erwarten Sie keine Lösung", hatte die Kanzlerin vor den Verhandlungen mit Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras, Frankreichs Präsident François Hollande und vier Euro-Krisenmanagern gesagt. Der große Wurf wurde es auch nicht. Aber ein kleiner, wichtiger Schritt. Die Politik der Angela Merkel.

Mit düsteren Mienen gingen die Protagonisten in das Ringen - recht gelöst kamen sie wieder heraus. "Wir sind optimistischer nach den Beratungen", bekundete Tsipras. Da brach der Morgen in Brüssel langsam an, draußen zwitscherten schon die Vögel. Hollande und Merkel sprachen vom "Geist des gegenseitigen Vertrauens".

Und EU-Gipfelchef Donald Tusk sagte: "Wir verstehen jetzt viel besser, wie kritisch die Lage, auch die politische Lage in Griechenland ist. Ich bin wirklich zufrieden." Für griechische Medien ein "Silberstreif" am Horizont.

Tsipras versicherte, nun eine "vollständige" Reform-Liste vorzulegen. Eigentlich hatte man das schon nach der Vereinbarung der Euro-Finanzminister vom 20. Februar erwartet. Aber Athen rührte sich nicht. Luxemburgs Premier Xavier Bettel wertete das Ergebnis von Brüssel so: "Man ist sich einig geworden, dass man einig ist, über das, worüber man sich schon einig war." Einen genauen Einblick in die tatsächliche griechische Misere bekamen Merkel und die anderen auch am Freitag nicht. Die Kanzlerin konnte nur zum wiederholten Mal feststellen: "Klar ist auch, dass die Finanzlage nicht einfach ist." Nach Experteneindruck reicht das Geld der griechischen Staatskasse nur bis Anfang April. Just am Freitag wurden Rückzahlungen von Griechenland in dreistelliger Millionenhöhe fällig. Liefert Tsipras die versprochene Reform-Liste nicht ab, gibt es kein Geld, keine neue Milliardenkredite - es droht der Bankrott.

Dem Vernehmen nach verlangte Tsipras in der kleinen Brüsseler Runde erneut Geld ohne Bedingungen. Am Ende habe er dann aber Bedingungen wie die Offenlegung der Bücher akzeptiert. Dabei habe Merkels Schilderung geholfen, dass auch Deutschland genau das den internationalen Finanzkontrolleuren gewähren müsse. Das Gespräch sei ruhig, bestimmt und zielführend gewesen. Und auch die anderen Europartner, die sich ob des exklusiven Kreises ausgebootet gefühlt hatten, seien schließlich zufrieden mit dem Prozedere gewesen.

Es fiel aber auf, wie eng Merkel und Hollande, die Konservative und der Sozialist, auch hier wieder zusammenarbeiteten. Seit Merkels Solidarität nach den Terroranschlägen auf Paris im Januar und den gemeinsamen Friedensverhandlungen für die Ukraine hält die deutsch-französische Achse so gut wie schon lange nicht mehr.

Der nächste Schritt für Athen ist Tsipras Antrittsbesuch am Montag in Berlin. Da kann es schon deshalb keinen Durchbruch geben, weil die Schuldenkrise kein deutsch-griechisches Problem ist, sondern ein Konflikt zwischen Griechenland und dem Rest der Eurozone. Darauf legt Merkel größten Wert. So wehrt sie Erwartungen ab, Tsipras könnte die Liste bereits in Berlin vorlegen. "Das ist nicht der Platz, an dem irgendwelche Listen abgegeben werden von Reformvorschlägen, denn die müssen ja bei den Institutionen abgegeben werden und nicht in Deutschland." In Berlin gehe es um Fragen, die Deutschland und Griechenland betreffen.

Im Großen und Ganzen geht es um Vertrauen. "Zerstörtes Vertrauen", wie Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vor allem seinem griechischen Amtskollegen Gianis Varoufakis vorwirft. Der konterte, dieses Vertrauen habe die neue griechische Regierung nie genossen. Merkel muss Schadensbegrenzung in beide Richtungen betreiben.

Zwar hat sie Verständnis für die Wut von Deutschen - wie in der eigenen Partei - über griechische Drohungen, deutsche Einrichtungen zu pfänden. Und sie weist auch Forderungen nach finanzieller Wiedergutmachung für Nazi-Gräueltaten zurück.

Aber es gefällt ihr auch nicht, wie sich Hardliner bei CDU und CSU gegen Griechenland stellen und den Rauswurf aus dem Euro fordern. Ihrer Ansicht nach wäre das politisch und geostrategisch für Europa ein schwerer Fehler. Eher ist sie zu einem dritten Hilfspaket für Hellas bereit.

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