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| 01:24 Uhr

Letzter Wohnort vor Getto und Gaskammer

Haus mit finsterer Vergangenheit: In der Münzstraße 42 mussten im August 1942 zehn Cottbuser Bürger jüdischen Glaubens auf ihren Abtransport ins Getto Theresienstadt warten. Heute befindet es sich in privater Hand und verfällt. Das zweite Cottbuser Deportationshaus in der Roßstraße 27 wurde zu DDR-Zeiten abgerissen.Der jüdische Kaufmann Georg Schlesinger und seine Frau Adele wurden von der Münzstraße aus deportiert. Nach der Wende wurde in Cottbus eine Straße nach ihm benannt.
Haus mit finsterer Vergangenheit: In der Münzstraße 42 mussten im August 1942 zehn Cottbuser Bürger jüdischen Glaubens auf ihren Abtransport ins Getto Theresienstadt warten. Heute befindet es sich in privater Hand und verfällt. Das zweite Cottbuser Deportationshaus in der Roßstraße 27 wurde zu DDR-Zeiten abgerissen.Der jüdische Kaufmann Georg Schlesinger und seine Frau Adele wurden von der Münzstraße aus deportiert. Nach der Wende wurde in Cottbus eine Straße nach ihm benannt. FOTO: Mario BehnkeFoto: Stadtmuseum Cottbus
Mit der Pogromnacht am 9. November 1938 begann in Deutschland die Deportation der Juden. In den Folgemonaten quartierten die Städte ihre missliebigen Bewohner zwangsweise um, um sie gruppenweise in die Gettos und Vernichtungslager schicken zu können. In wohl keiner zweiten Lausitzer Stadt ist dieses Vorgehen so gut recherchiert worden wie in Cottbus. Von Daniel Preikschat

Der kleine Zweigeschosser in der Münzstraße 42 sieht aus wie in die Stadtmauer hineingebaut. Die Fassade bröckelt, die Fenster sind vernagelt. Ein unbewohntes, stummes Haus. In den darin befindlichen sechs Wohnungen warteten im August 1942 zehn Cottbuser auf die Geheime Staatspolizei (Gestapo). Alle waren jüdischen Glaubens, entrechtet und enteignet. Am 24. August 1942 wurden sie nach Theresienstadt deportiert.
„Ihnen war klar, was mit ihnen passiert.“ Daran hat Gudrun Breitschuh-Wiehe keinen Zweifel. Die studierte Biologin, Mitglied des Stadtverbands der Grünen, erforscht seit drei Jahren die Geschichte der Cottbuser Juden in der Nazi-Diktatur. Ehemann Wolfgang Wiehe, Stadtführerin Anja Rolland und das Cottbuser Stadtmuseum unterstützen sie. Das traurige Ergebnis ihrer Arbeit lässt sich seit September vergangenen Jahres auf Cottbuser Gehwegen ablesen.
Auf 28 Pflastersteinen mit Messingoberfläche stehen Name und Geburtsdatum von Deportierten, wann sie verschleppt, wann und wo sie von Nazi-Schergen getötet wurden. Die Steine stecken im Pflaster vor den Häusern, in denen die Ermordeten gelebt haben. Fünf neue „Stolpersteine“ liegen noch neben dem Schreibtisch im Büro von Gudrun Breitschuh-Wiehe. Die 48-Jährige nimmt einen in die Hand. Josefine Gutkind steht auf ihm.
Im März 1937 war die 35-Jährige mit Ehemann Ludwig und Sohn Hans-Jakob nach Berlin geflohen. In der anonymen Großstadt versprach sich die Familie Schutz. Vergeblich. Im Dezember 1942 wurden die Gutkinds nach Auschwitz deportiert. Josefines Vater, der Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Georg Schlesinger, blieb in Cottbus. Er wohnte über seinem Möbelgeschäft in der Bahnhofstraße 51. 1937, so die Recherchen der Stolpersteine-Arbeitsgemeinschaft, war für Schlesinger ein Jahr mit Höhen und Tiefen: 13 Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er sein Hausmädchen Adele. Im Februar des selben Jahres zwang ihn das Nazi-Regime, alle Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu zählen. 334 waren es.
Diese makabere Pflicht des Vaters dürfte Tochter Josefine darin bestärkt haben, die Stadt schon einen Monat später zu verlassen. Und nicht nur sie: Von Februar 1937 bis zum Pogrom am 9. November 1938 flüchtete jeder zweite jüdische Bürger aus Cottbus.
Auch die Nachbarschaft des jüdischen Ehepaares Schlesinger wollte die damalige Stadtverwaltung wohl keinem deutschen Bürger zumuten. Für Georg und Adele Schlesinger begann eine Kette von Zwangsumzügen. 1937 ging es in die Marienstraße 19, wie Gudrun Breitschuh-Wiehe einem Adressenverzeichnis von damals entnehmen konnte. Das Haus gehörte der jüdischen Familie Schindler und hatte ausschließlich jüdische Mieter. 1938 mussten der Vorsteher der jüdischen Gemeinde und seine Frau in die Roßstraße 27, gleich neben der Synagoge, einziehen - und den Brand des jüdischen Gotteshauses in der Pogromnacht miterleben. Noch schockierender für Schlesingers dürfte etwas anderes gewesen sein: Die Cottbuser Nazis machten aus dem Wohnhaus in der Roßstraße, das der jüdischen Gemeinde gehört, ein Deportationshaus.
Doch damit nicht genug. In einem Vermerk des Oberbürgermeisters Franz Viktor vom 28. Juni 1942, der im Cottbuser Stadtmuseum liegt, heißt es: „Um die Judenwohnungen frei zu bekommen, ist das Haus Münzstraße 42 zur Unterbringung der Juden zu räumen. Die Einrichtung eines Hauses für Sittendirnen ist zurückzustellen, bis ein passendes Haus gefunden wird.“
Wenig später, am 8. August, zogen die Schlesingers von der Roßstraße in die Münzstraße. Acht jüdische Leidensgefährten begleiteten sie zu ihrer letzten Adresse in Cottbus. Es waren zumeist ältere Menschen, die keinen Flucht-Strapazen mehr gewachsen waren. Menschen wie die 91-jährige Johanna Blankenstein, von den Nationalsozialisten 1937 aus ihrer Wohnung in die Marienstraße vertrieben und danach noch zweimal zum Umzug gezwungen. Gudrun Breitschuh-Wiehe hat die Namen der zehn verschleppten Cottbuser aus der Münzstraße in einem Gedenkbuch des Gettos Theresienstadt gefunden. Georg und Adele Schlesinger starben im September 1942. Kurz nach ihrem Eintreffen in Theresienstadt hatten die Nazis sie in das Vernichtungslager Treblinka gebracht und ermordet.

Zum Thema Die Pogromnacht, Beginn der Deportationen
Die Novemberpogrome 1938 (bezogen auf die Nacht vom
9. auf den 10. November, auch Reichspogromnacht oder Reichskristallnacht genannt) waren eine vom nationalsozialistischen Regime organisierte Zerstörung von Leben, Eigentum und Einrichtungen der Juden im gesamten Deutschen Reich.
Dabei wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Menschen ermordet oder in den Tod getrieben.
Ab dem 10. November wurden ungefähr 30 000 Juden
in Konzentrationslagern inhaftiert, wo nochmals Hunderte
ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben.