„Die Frauen
warten sehr, sehr
lange, bis sie sich aus einer Gewaltbeziehung
befreien“
 Silvana Richter, Leiterin im Frauenschutzhaus Hoyerswerda


Alina*, 38, ist eine zierliche Frau. Unauffällige Kleidung, das Haar streng nach hinten gekämmt. Die Augen hebt sie nur selten. Seit ein paar Monaten lebt sie mit ihrem Sohn Klemens* in einer Cottbuser Zweiraumwohnung, doch weder an der Klingel noch an der Haustür steht ihr Name. „Angst“ sagt sie nur. Angst, dass ihr Ehemann sie findet. Wieder nächtelang auf der Straße randaliert, das Telefon mit seinen obszönen Anrufen blockiert oder gar den Jungen bedroht. „Die ersten Jahre unserer Ehe waren wir sehr glücklich“ , sagt Alina. „Wir hatten beide Arbeit, Freunde, eine schöne Wohnung. Als Klemens geboren wurde, änderte sich alles. Er schrie sehr viel. Mein Mann wurde nervös, konnte nicht mehr schlafen, trank.“
Als er sie das erste Mal schlug, dachte sie noch an ein Versehen. Glaubte seinem Versprechen, sie nie wieder anzurühren. Doch bald schon wurden die nächtlichen Attacken Routine. „Und wenn der Junge zusah, törnte ihn das sogar noch mehr an.“ Doch gerade wegen des Jungen wollte Alina ihren Mann nicht verlassen. „Ich bin selbst ohne Vater aufgewachsen, das wollte ich Klemens nie antun.“ Erst, als der Junge eingeschult wurde und schon nach wenigen Wochen zur Förderschule versetzt wurde, erkannte sie ihren Fehler: „Der Kleine hat noch viel mehr gelitten als ich. Aber das wollte ich nicht wahrhaben. Erst die Lehrer haben mir gezeigt, wie eingeschüchtert er war.“
Alina ließ sich beraten, wagte den Absprung in ein neues Leben und eine neue Wohnung. Ihr Mann spürte sie auf, terrorisierte sie und die Nachbarschaft. Jetzt hat sie den Wohnort wieder gewechselt, Klemens geht mittlerweile auf eine andere Schule. „Er ist schon viel fröhlicher geworden“ , sagt seine Mutter. Nur sie selbst hat sich noch nicht an das neue Leben gewöhnt. „Mein Mann hat mich zwar geschlagen, aber er war wenigstens da. Heute sehe ich tagelang niemanden außer Klemens. Das ist auch schlimm.“
So wie ihr geht es vielen Frauen in Sachsen und Brandenburg. Sie ertragen die Gewalt in der Ehe aus Scham, aus Angst vor dem sozialen Abstieg oder aus Furcht vor der Einsamkeit.
„Die Frauen warten sehr, sehr lange, bis sie sich aus einer Gewaltbeziehung befreien“ , sagt Silvana Richter, Leiterin des Frauenschutzhauses in Hoyerswerda. Seit 1992 wurden hier 1350 Frauen und Kinder aufgenommen, betreut und auf den ersten Schritten in ein selbstständiges Leben begleitet. „Wir haben Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden oder von ihren erwachsenen Söhnen. Frauen, die eingesperrt wurden, denen das Geld und das Telefon abgenommen wurden, wenn der Mann die Wohnung verließ. Ausländerinnen, die man sich aus dem Urlaub mitbringt und dann wie Sklavinnen hält. Frauen, die am Ende so eingeschüchtert sind, dass sie glauben, selbst an ihrer Situation Schuld zu sein und es nicht besser verdient zu haben.“ Dazu kommt die Hoffnung, der Mann werde sich schon noch irgendwann ändern. „Aber das können sich die Frauen abschminken“ , weiß Sozialarbeiterin Gerlinde Drath. „Schläger ändern sich nicht mal eben so. Wir haben hier oft Ehemänner sitzen, die wirken absolut nett, aufgeschlossen und verständnisvoll, denen traut man nichts Böses zu. Aber die schöne Fassade täuscht.“
Und doch scheint es vor allem jüngeren Frauen immer schwerer zu fallen, sich vom Traum einer heilen Familie zu verabschieden. „Seltsamerweise“ , so Silvana Richter, „kommen seit Monaten fast ausschließlich ältere Frauen zu uns, deren Kinder aus dem Haus sind. Vielleicht wissen die jüngeren nicht, dass sie über Harz IV abgesichert sind, sobald sie bei uns einziehen?“
Rund sechs Monate bleiben die Frauen im Schutzhaus. „Sie sind psychisch so angegriffen, dass sie einfach Ruhe und Geborgenheit brauchen“ , erklärt Sozialarbeiterin Gerlinde Drath. In langen Gesprächen versucht sie, das zerstörte Selbstbewusstsein der Frauen aufzubauen, knüpft Kontakt zur Arge und hilft bei der Wohnungssuche, finanziellen oder juristischen Problemen.
Zu der Möglichkeit, den Männern per Gerichtsbeschluss den Umgang mit der Frau und das Betreten der gemeinsamen Wohnung zu verbieten, raten die Expertinnen nur noch selten. „Es dauert Wochen, bis so ein Beschluss erwirkt ist. Oft glauben die Richter auch den Männern eher als den Frauen. Oder die Männer halten sich einfach nicht an die Auflagen und es folgen keine Sanktionen“ , sagt Gerlinde Drath.
Die kommenden Wochen werden sie kaum neue Fälle aufnehmen. „Wer jetzt noch nicht hier ist, hält aus bis nach Weihnachten. Solange muss die Illusion von der heilen Familie halten.“

* Name von der Redaktion geändert

hintergrund Häusliche Gewalt in der Region
 Seit Jahren steigen in Sachsen die Fallzahlen rund um den Bereich „Häusliche Gewalt“ (Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Bedrohung etc.) an. So sind nach Angaben des Landeskriminalamtes für den Zeitraum 2005 rund 1400 Fälle angezeigt worden. Das entspricht einer Steigerung gegenüber dem Jahr 2004 um etwa 24 Prozent. Schwerpunkt waren mit 70 Prozent die Körperverletzungen.
In Brandenburg sind 2005 erstmals seit mehreren Jahren im Bereich Häusliche Gewalt weniger Straftaten bei der Polizei angezeigt worden. Die Zahl sank deutlich um 8,7 Prozent auf 2244 Fälle (2004: 2 457). Im Schutzbereich Cottbus /Spree-Neiße beispielsweise stieg die Zahl der Anzeigen jedoch an. Im dritten Quartal dieses Jahres registrierte die Polizei 133 Fälle (2005: 113 Fälle, 2004: 59 Fälle). Polizeisprecher Berndt Fleischer: „Die Frauen werden mutiger,“ zeigen Übergriffe eher an als früher. Dennoch gehen wir weiter von einer hohen Dunkelziffer quer durch alle Schichten aus.
In Brandenburg werden 22 Frauenhäuser betrieben, die weiblichen Gewaltopfern sowie ihren Kindern vorübergehenden Schutz und Wohnmöglichkeiten bieten. In Sachsen gibt es 18 solcher Häuser. Bei drei Schutzhäusern ist die künftige Finanzierung allerdings ungesichert.