„Das ist ein ganz liebes und ruhiges Mädchen“ , sagt Stephanie Führer über Latifa. Sechs Wochen lang betreute die Cottbuser Kinderchirurgin das Mädchen aus einem Dorf im Norden Afghanistans nahe der usbekischen Grenze im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum. Anfang Juli traf Latifa dort ein. Das Friedensdorf in Oberhausen (Nordrhein-Westfalen) hatte die Fünfzehnjährige im Februar aufgenommen, um dringend notwendige medizinische Hilfe für das Mädchen zu organisieren. Hilfe, die sie in ihrem Heimatland nicht bekommen konnte.
Latifa hat einen seltenen Tumor in ihrem Bein. Im Cottbuser Klinikum wurde das stille Mädchen, das Schwestern und Ärzte schnell ins Herz schlossen, mit modernsten Methoden untersucht. Das Ergebnis: Der Tumor konnte nicht operiert werden. Einzige Alternative war eine Spezialtherapie in der Robert-Rössle-Klinik in Berlin-Buch. Dorthin wurde Latifa Anfang August verlegt und behandelt.
In Berlin wurde ihr direkt am Tumor lokal begrenzt eine extrem hoch dosierte Chemotherapie verabreicht. „Wenn das in den ganzen Körper gelangt, überlebt das niemand“ , erklärt die Cottbuser Kinderchirurgin Stephanie Führer den hoch komplizierten Eingriff, der nur unter intensivmedizinischer Begleitung möglich ist. Selbst bei den Spezialisten in Berlin gibt es mit dieser sehr seltenen Tumorart, die Latifas Bein befallen hat, noch wenig Erfahrung. „Es war der vierte Fall, bei dem wir die Therapie angewendet haben“ , sagt Oberarzt Per-Ulf Tunn von der Robert-Rössle-Klinik. Das Geschwür sei zwar nicht bösartig, doch es wachse immer weiter und zerstöre das Bein. Die Amputation sei ohne die Behandlung sicher gewesen, sagt Tunn. Nun hoffen die Berliner Mediziner, den Tumor gestoppt zu haben. Rund 20 000 Euro hat die Therapie gekostet. Wenigstens einen Teil davon versucht das Cottbuser Klinikum durch Spenden einzusammeln und zu erstatten. Rund 6000 Euro für die Diagnostik in Cottbus trägt das Klinikum selbst.

Sprachbarriere
Latifa ist nicht das erste Kind aus einem Kriegs- oder Krisengebiet, dem im Cottbus Klinikum geholfen wird und es wird vermutlich auch nicht das letzte sein. Seit Mitte der 90er-Jahre werden jährlich ein bis zwei Kinder aufgenommen und kostenlos behandelt, die dringend medizinische Hilfe brauchen, die sie in ihren Heimatländern nicht bekommen können. Schaltstelle für diese Unterstützung, an der verschiedene Fachärzte beteiligt sind, ist die Kinderklinik des Carl-Thiem-Klinikums.
Chefarzt Thomas Erler erinnert sich noch gut an einen der ersten Fälle, ein kleines Mädchen aus Afrika. „Das Mädchen hatte am Rücken eine riesige offene Wunde und niemand wusste, warum die nicht heilt“ , sagt Erler. Ein SOS-Kinderdorf hatte das Kind nach Cottbus geschickt in der Hoffnung, hier könne man die Ursache finden. Das gelang nach sehr aufwendiger interdisziplinärer Diagnostik. „Es war eine sehr seltene Tropenkrankheit, die dahinter steckte. Die konnten wir mit Antibiotika bekämpfen.“ Chirurgen, die Haut verpflanzten, sorgten dann dafür, dass das kleine Mädchen völlig geheilt aus Cottbus abreisen konnte.
Aus diesem Fall ist eine stabile Beziehung der Cottbuser Mediziner zu SOS-Kinderdörfern und zum Friedensdorf in Oberhausen entstanden. Behandelt wurden in den vergangenen Jahren besonders oft Kinder mit angeborenen schweren Defekten im Kiefer- und Gesichtsbereich. Ein Problem, so Chefarzt Thomas Erler, sei immer wieder die Sprachbarriere „Am Anfang verstehen die Kinder meistens gar nichts, dabei ist ihre psychische Situation ohnehin sehr angespannt.“
Die lange Trennung von Eltern und Geschwistern, die völlig ungewohnte Umgebung, Angst und Ungewissheit über die Behandlung, das alles belaste die kleinen Patienten sehr. Ein Dolmetscher sei teuer und müsste fast immer anwesend sein. Für die Klinik, die kostenlos helfen will, unbezahlbar.
Das Cottbuser Klinikum hat sich so gut es ging inzwischen selbst geholfen. „Wir haben eine Liste erstellt mit allen Mitarbeitern des Hauses die Fremdsprachen beherrschen und die wir bei Bedarf um Hilfe bitten können“ , sagt Erler. Die Liste sei erstaunlich ergiebig: „Wir haben viele junge Kollegen mit Auslandspraktika, auch solche mit anderer Muttersprache.“

Auf Spenden angewiesen
Eine Ärztin der Kinderklinik spricht Norwegisch, Chefarzt Erler selbst fließend Russisch. Er hat zu DDR-Zeiten in Moskau studiert. Bei Latifa hatte das Klinikum Unterstützung durch eine afghanische Familie, die in Cottbus lebt. Die hat das Mädchen oft besucht, ihr bei Heimweh geholfen und über manche Verständigungsprobleme.
Als gemeinnützige GmbH, die seit Jahren schwarze Zahlen schreibt, könne die Cottbuser Klinik in gewissem Umfang unentgeltliche Hilfe für Kinder wie Latifa leisten, sagt Erler: „Aber bei komplizierten Eingriffen können schnell einige Tausend Euro zusammenkommen, das strapaziert dann schon das Budget.“ Spenden oder die Unterstützung durch Stiftungen sei dann der einzige Ausweg. Auch für die hohen Behandlungskosten Latifas in Berlin wird voraussichtlich eine Stiftung Geld geben. Bei den Kindern, die aufgenommen werden, verlässt sich das Cottbuser Klinikum auf die gute Erfahrung mit den langjährigen Partnern, die die kleinen Patienten nach Deutschland bringen. „Wir wissen, die sind seriös, wenn die kommen, da hängen Schicksale dran“ , sagt Erler.
Vertrauen zu den Hilfsorganisationen brauchen auch die Eltern, die ihre Kinder für mehrere Monate in ein fremdes Land schicken. Das Friedensdorf Oberhausen arbeitet seit 1988 in Afghanistan mit dem Roten Halbmond vor Ort zusammen. „Die stellen uns regelmäßig schwer kranke Kinder vor, die im Land nicht behandelt werden können. Wenn wir eine Chance sehen, dass ihnen geholfen werden kann, suchen wir die passende Klinik in Deutschland“ , sagt Friedensdorf-Mitarbeiter Johannes Nathschläger. Das Cottbuser Klinikum sei dabei seit Jahren ein sehr wichtiger Partner.
Latifa ist seit wenigen Tagen aus der Berliner Klinik entlassen und wieder zurück im Friedensdorf Oberhausen, wo sie im Februar ankam. Sie kann herumlaufen wie andere Kinder, muss jedoch jeden Tag zum Verbandswechsel zum Arzt. Ende September wird sie für kurze Zeit nach Berlin zu einer Kontrolluntersuchung zurückkehren. „Erst dann können wir sicher sagen, ob die Behandlung erfolgreich war“ , sagt Oberarzt Per-Ulf Tunn. Bei den anderen drei in Berlin behandelten Patienten mit dieser seltenen Tumorart war das der Fall.