Warum fragt keiner nach?
Ein Jahr nach dem Beginn der Pandemie basiert das Agieren der Regierenden, wie Sie schreiben, auf Vermutungen und auf Angst. Das ist nicht nur zu wenig, das ist sehr schlimm, denn es hat schwerwiegende unmittelbare und auch langfristige Folgen, die wir erst in den nächsten Jahren sehen werden. (...) Ich habe die letzte Pressekonferenz zum Lockdown aufmerksam verfolgt. Niemand hat nachgefragt, warum wir über die Verbreitung neuer Mutationen des Virus in Deutschland so wenig wissen.
Die Kanzlerin äußerte, dass Experten der Meinung seien, das die Mutation bei uns noch nicht so verbreitet sei. Woher wissen die das? Sie wissen es offensichtlich nicht, denn im Gegensatz zu Großbritannien wurde das bisher bei uns nicht untersucht. Warum fragt da keiner nach?
Eine andere Frage sind die Zahlen. Ist noch niemandem aufgefallen, dass die täglich in der LR veröffentlichten Zahlen sich gravierend von den Daten des Robert Koch-Institutes (RKI) zum gleichen Zeitpunkt unterscheiden? Stand 21. Januar: Das RKI nennt für Cottbus kumulativ seit Beginn 2531 Fälle. Die Stadt Cottbus zählt 3651 Fälle. Das sind 1120 Fälle Differenz! Was bedeutet das? Wurden mehr als ein Drittel der gesamten Fälle noch nicht an das RKI gemeldet, oder wurden die Fälle noch nicht in die Datenbank des RKI eingepflegt, oder hat Cottbus falsch gezählt? Keiner weiß es, keiner fragt und klärt auf. Allein durch noch ausstehende Nachmeldungen ist dieser krasse Unterschied nicht zu erklären. Das RKI meldet für Cottbus 80 Todesfälle, die Stadt veröffentlicht am gleichen Tag 123 Todesfälle. 43 Todesfälle Differenz! Die Auswertungen und die Schlussfolgerungen aus Statistiken können nur so gut oder so schlecht sein wie ihre Basis. Die einzigen validen Daten haben wir aus den Krankenhäusern.
Wir haben zu wenig Impfstoff, weil andere deutlich schneller waren. EU hin und her. Man muss die Fehler der EU deutlich benennen, damit sie besser wird und reformiert wird. Fehler mit europäischen Werten schönreden hilft dem europäischen Gedanken nicht.
Sehr geehrter Herr Bochow, ich danke für die wichtigen Fragen, die Sie in Ihrem Artikel gestellt haben und die sich sicher auch andere stellen. Noch schöner wären Antworten.
Dr. Reiner Musikowski, Cottbus
Anmerkung der Redaktion: Dass es teils erhebliche Unterschiede bei den Zahlen gibt, haben wir mehrfach berichtet. Das RKI gibt als Grund an, dass es einen Fall erst dann freischaltet, wenn er vollständig mit allen Details (Erkrankungsbeginn, Ansteckungsort, Krankenhauseinweisung ja/nein, Intensivstation ja/nein) gemeldet wurde. Oft kämen Details über die Gesundheitsämter/Landesministerien verzögert. Am Montag haben wir berichtet, dass das RKI das Software-Programm Surfnet nutzt, daran noch nicht angeschlossene Ämter ihre Zahlen auch per Mail melden und es Rückstaus beim Eintragen ins Surfnet gäbe.