Kriegsende nicht Kohleausstieg

Auch beim zweiten Lesen bin ich immer wieder auf Momente der Zustimmung gestoßen, ja, so war‘s damals 1945 wirklich. Manches habe ich neu erfassen müssen, auch sehr lehrreich. Sagen möchte ich noch, dass Ihre Artikel-Reihe mein Privatarchiv, speziell aus Beiträgen der LR seit Jahrzehnten, erweitern wird.

Weiter bestärkt worden bin ich in meiner Beziehung zum furchtbaren Kriegsgeschehen mit Tod und Zerstörung, die letztendlich auch unsere Lausitz, besonders an der Neiße, hat durchmachen müssen, vor Jahresfrist bei einer Schiffsreise auf der Wolga. Just am 2. und 6. Mai wurde damals in Wolgograd/Stalingrad angelegt. Dann ging es hinauf auf den Mamajew-Hügel, in welcher Ergriffenheit! Dieses Empfinden nahm noch mehr zu etwas später, als man verharrte vor dem roten Ruinen-Gemäuer der zerschossenen einstigen Mühle. Nein, nie wieder, weder dort noch hier – dieses schreckliche Grauen darf sich nicht wiederholen. Viele der Reisenden waren extra aufgebrochen, so eine Dame aus Wien, geboren im August 1943, um ihres Vaters zu gedenken, dort auf dem riesigen Soldatenfriedhof Rossoschka.
Dass und wie in Russland der Sieg von damals begangen wird, wir erlebten das am 9. Mai in Uljanowsk. In St. Petersburg, auf dem Piskarjowskoje-Friedhof, da war man wieder bedrückt angesichts der Hunderttausenden Menschenopfer dort, fast zu gleicher Zeit. Die weiteren Folgen wurden natürlich besonders belastend für  Deutschland.

Aber inwieweit sie den Siegermächten von 1945 und den „Russen“ zuzuordnen waren, nun da haben doch längst andere Beweise und Ergebnisse genug Urteilskraft bewiesen. Dass sie auch Platz in Ihren Beiträgen finden, völlig richtig. Dabei waren diese im heimatlichen Bockwitz/Lauchhammer-Mitte noch ganz glimpflich abgelaufen. Dennoch, meine Wiederholung, niemals wieder! Auch nicht, dass Walter S., fast Schulkamerad, dann plötzlich verschwand, der Werwolf-Tätigkeit bezichtigt, aber nie zurückkehrte. Seine verzweifelte Mutter jedoch konnte ich noch geraume Zeit danach dahinsiechen sehen.

Dass wir in der Lausitz uns doch wieder haben aufrappeln können, zeugt aber auch vom Überleben-Wollen vieler Menschen. Dem gebührt umso mehr Anerkennung. Aber die jetzige Lage, beim Kohleausstieg, direkt auf das Kriegsende beziehen zu wollen; wie im Kommentar von Frau Keilholz (16. Mai), halte ich nicht für korrekt. Die Zahl der Arbeiter, die schon nach dem Ersten Weltkrieg zu uns kamen, um in der Kohle tätig zu sein und um hier zu leben, spricht eindeutig dafür. (...)
Horst Paulick, Elsterwerda
Crash kam erst mit der Wende

Zu „Strukturbruch war 1945“ und „Als die Sowjets Industrieanlagen in der Lausitz abbauten“, LR vom 16. Mai. Die Wirtschaftsgeschichte der Lausitz wird teilweise verzerrt und falsch dargestellt. Das ist schade und dürfte zahlreiche Leserinnen und Leser ihrer Heimatzeitung verärgern. Richtig ist, dass die Lausitz, vor allem auch die Niederlausitz, nach dem Zweiten Weltkrieg schwere wirtschaftliche Verwerfungen durch Kriegszerstörungen und Reparationen an die Sowjetunion verkraften musste. Gleichwohl war die breit aufgestellte Lausitzer Industrielandschaft keineswegs für immer „erledigt“ und durch die Kohle- und Energiewirtschaft monostrukturiert.

Vor allem ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Kohlewirtschaft bis heute zur „Langstrecken-Lokomotive“ der industriellen Entwicklung, die alle anderen Lausitzer Industriezweige mit sich zog. Die Textilindustrie nahm nach den napoleonischen Kriegen Fahrt auf, nachdem durch den Fall der Kontinentalsperre die Baumwolle wieder zur Verfügung stand und in den 1860er-Jahren sich die Berliner Textilindustrie in die Lausitz verlagerte, weil der Produktionsstandort Berlin zu teuer wurde. Die industrielle Entwicklung war seitdem hauptstadtorientiert. Das Metropolenwachstum ist ohne die Ressourcen Brandenburgs nicht denkbar.
Die Lausitz lieferte Baustoffe und anderes, was Berlin brauchte. Hier stand bis zur Wende der größte industrielle Ziegelbrennofen Deutschlands (Großrä­schen, den nicht die Russen abbauten, sondern der ein Wendeopfer ist), um das ziegelfräßige Berlin zu versorgen, was sich mit der Cottbuser Platte in der DDR fortsetzte. Glas für die Berliner Mietskasernen und Neubauwohnungen kam aus der Lausitz bis zum Ende der DDR.
 Nach dem Zweiten Weltkrieg waren weder die Textilindustrie noch die Baustoff-, die Glas- (Döbern, Weißwasser, Massen) und Chemie­industrie (Schwarzheide) sowie der Maschinen- und Anlagenbau (Lauchhammer, Finsterwalde) oder die Eisenverhüttung (Eisenhüttenstadt ist auch Niederlausitz) „erledigt“, wie die Autorin meint verbreiten zu müssen, die entweder schlecht recherchiert hat oder Opfer ihrer Vorurteile ist. Trotz Reparationen und Zerstörungen waren es die Frauen und Männer in der Lausitz, die die traditionellen Industrien unter großen Mühen und schlecht ernährt, aber voller Elan und Optimismus wieder aufbauten und neue Industriezweige (Chemiefaser TKC Cottbus) etablierten.
Die „Langstreckenlokomotive“ Kohle und Energie nahm seit den 1960er-Jahren eine Sonderstellung ein, weil die DDR-Wirtschaft auf den heimischen Energieträger Braunkohle angewiesen war. Symbol für die Aufbauleistung der Lausitzer war das Kraftwerk in Trattendorf, das von der Sowjetunion komplett abgebaut und von Menschen der Lausitz und der ganzen DDR als „Kraftwerk der Jugend“ wieder aufgebaut und nach 1990 abgerissen wurde. Diesmal war die Treuhandgesellschaft des Bundes „der Russe“.
Weltweites Exportaufkommen bis zur Wende
Bis zum Ende der DDR waren, anders als die Autorin meint, etwa Forst, Spremberg, Cottbus und Finsterwalde bedeutende Städte der Textilproduktion mit einem weltweiten Exportaufkommen, auch für westdeutsche Katalogwarenhauskonzerne. In Guben wurden weiter Hüte in den Produktionshallen der ehemaligen Wilke‘schen Hutfabrik für die ganze Welt produziert und in Lauta natürlich Aluminium.
Der wirkliche Crash fand ab 1990 in der Lausitz statt. Eine Welle der Deindustrialisierung überrollte wie ein Tsunami, einer Naturkatastrophe gleich, die Lausitz. Übrig blieb als dominierender industrieller Wertschöpfungsfaktor die Kohle- und Energiewirtschaft und ihre Zulieferer, die jetzt ihrem Ende entgegendämmern.
Dr. Matthias Baxmann, Massen