„Malocher“ gibt es nicht mehr
In der Rundschau war über das Ringen um ein Leitbild für den anstehenden Strukturwandel in der Lausitz zu lesen. („Lausitz noch ohne Masterplan für die Zukunft“, LR vom 27. August). Ein weites Feld und leider ist festzustellen, dass sich die diesbezüglichen Erwartungen und Vorstellungen nach wie vor in den bisherigen Denkschablonen der klassischen Industriegesellschaft bewegen, ungeachtet der Tatsache, dass diese Industriegesellschaft an einem unausweichlichen Scheideweg steht.
Die klassische Industrieproduktion hat sich bisher durch Fabrik- und analoge Maschinenarbeit sowie massenhafte Lohnarbeit definiert. Von dieser Vorstellung müssen wir uns in einer digitalisierten Welt für immer verabschieden.
Das Stichwort heißt Industrie 4.0, also eine umfassende Digitalisierung, eine automatisierte Produktion industrieller Güter. Es geht dabei um das „Internet der Dinge“, wo  cyber-physische Systeme die industrielle Produktion bestimmen, wo Softwarekomponenten mit mechanischen und elektronischen Teilen verbunden sind und die über Dateninfrastrukturen wie das Internet miteinander kommunizieren. Den typischen Malocher, der mit seiner Hände Arbeit Werte schafft, wird es nicht mehr geben.
Vor dieser Herausforderung  steht die Lausitz. Wer Bergleuten und Industriemechanikern im Strukturwandel vergleichbare Arbeitsplätze mit entsprechender Bezahlung verspricht, handelt unredlich. Das macht eine Leitbild-Entwicklung so schwierig. Schließlich wird eine weitgehende Akzeptanz der Lausitzer Bevölkerung, die stark überaltert ist, erwartet. Darüber hinaus wächst die Angst vor einer ähnlichen Abwanderungswelle wie in den 1990er-Jahren. Dabei ist das der natürliche, nicht aufhaltbare Lauf der Dinge.
Seit der Frühzeit der Industriellen Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts vollzog sich in der Lausitz (eine Armutsregion mit schlechter Verkehrsinfrastruktur) ein Wandel in der gewerblichen Produktion. Aus Handwerkern, aus Leibeigenen und Landarbeitern wurden ungelernte Fabrikarbeiter in der sich entwickelnden Textilindustrie, die für 80 Jahre die Schlüsselindustrie in der Lausitz war und dann von der Kohle- und Energiewirtschaft in ihrer Dominanz abgelöst wurde. Mit der ansässigen Bevölkerung war dieser industrielle Strukturwandel nicht zu schaffen. Die Lösung war eine massenhafte Arbeitsmigration, die in der Lausitz bis in die DDR-Zeiten anhielt.
Die weitgehend planlose Abwicklung der Bergbaubetriebe nach der Wende führte zu einem Massenexodus gut qualifizierter Arbeitskräfte in Richtung Westen, und nicht selten waren es sehr gut ausgebildete junge Frauen, die diese Abwanderung anführten und die heute Heimweh haben, auch in Verantwortung für die zurückgelassene Elterngeneration. Auf diese Umstände hat ein Leitbild Rücksicht zu nehmen. Das ist auch mit erheblichen Zumutungen für die ansässige Bevölkerung verbunden.
Neben Stärkung und Modernisierung der vorhandenen industriellen Kerne wie BASF Schwarzheide oder das RAW Cottbus kann es  nur in zwei parallele Richtungen gehen: Schaffung einer europaweit anerkannten Forschungs- und Ausbildungsregion (Informatik, 4.0 Maschinenbau, Architektur für die neuen industriellen Bauaufgaben, Biotechnologie, Medizinerausbildung, Ausbildung von attraktiven und gut bezahlten medizinischen und Pflegeberufen) und einer Freizeit- und Erholungsregion. Vielleicht gelingt es sogar, cyber-physische Systeme der Industrie 4.0 zu entwickeln und aufzubauen. Das setzt den schnellen Aufbau einer digitalen Infrastruktur und die Bereitschaft zu umfassender Weiterbildung bei denjenigen voraus, die durch den Kohleausstieg ihre Arbeit verlieren. Dass die Verkehrsinfrastruktur, die diese Region auch für Pendler attraktiv macht, dem folgen muss, ist selbstverständlich.
Nicht zuletzt hat die Lausitz ein einzigartiges Pfund, mit dem sie weltweit auftrumpfen könnte: der Sanierungsbergbau made in Lausitz – die Rekultivierung aufgelassener Bergbaulandschaften. Das könnte eine besondere Erfolgsgeschichte werden, setzt aber weitere Forschung und Ausbildung voraus.
Dr. Matthias Baxmann, Massen