Jedenfalls nicht, was die Geschichte der Brikettfabrik Knappenrode betrifft. Den Namen ihres langjährigen Hauptaktionärs und Aufsichtsratsvorsitzenden, Ignaz Petschek, erfährt der Leser nicht. Die Autorin nennt Joseph Werminghoff als Gründer, der ‚in den 1920er-Jahren hier in großem Stil investierte’ und Flick als Profiteur der ‚Arisierung’ und Enteignung der Nazizeit.
 J. Werminghoff starb am 24. Mai 1914 – und der jüdische Industrielle Ignaz Petschek hatte die Aktienmehrheit bereits 1913 übernommen! Die Fabrikneugründung in Knappenrode 1914 geht auf seine Initiative zurück, er investierte in großem Stil, und er eröffnete hier als Aufsichtsratsvorsitzender 1918 eine der modernsten Brikettfabriken Europas. Nach diesem erstaunlichen Fehlgriff hat die Autorin für alles, was bis zur Einverleibung der Petschekfirmen in den Flickkonzern kam, genau zwei Sätze übrig (...): „In den 30er-Jahren hatte es [das Werminghoffsche Industrieimperium] bereits mehrmals aus politischen Gründen den Eigentümer gewechselt. Es wurde arisiert, enteignet, anderen Gesellschaften zugeschlagen.“
(...). Nur so viel sei angemerkt: Wer das himmelschreiende Unrecht an den Juden verschweigt und hinter Sätzen wie den soeben zitierten ‚verbirgt’, verhindert zugleich, dass das Abbauen des von Ignaz Petschek aufgebauten Maschinenparks durch die Sowjetunion (das Thema des Artikels) historisch und moralisch richtig eingeordnet werden kann. Wer die Zusammenhänge kennt, muss, meine ich, zu einer fast gegensätzlichen Wertung der Vorgänge in Knappenrode kommen: Durch den Abtransport der Maschinen kamen die Profiteure der Arisierung, die Mitläufer, die Anhänger, alle, die den Mund gehalten haben, als ein Jude nach dem anderen aus ihrer Belegschaft in Konzentrationslager verschwand, als ihre Eigentümerfamilie Petschek enteignet und außer Landes getrieben wurde, wenigstens nicht in den Genuss der modernen Maschinen, die unter den Petscheks dort installiert wurden.
Besser wäre gewesen: „In den 30er-Jahren schufen Göring und Flick die auf die Enteignung der Petschekfirmen zugeschnittenen Arisierungsgesetze. Sie stahlen der jüdischen Familie Petschek ihren gesamten Besitz und zwangen sie zur Emigration. Die Firmen landeten 1939 in den Hermann-Göring-Werken und im Flick-Konzern.“
Abschließend noch ein Gedanke: Wie wird ein Artikel wie dieser auf die Urenkelin von Ignaz Petschek, Nancy Petschek, wirken, die 2018 Knappenrode und die Brikettfabrik Louise in Domsdorf besucht hat, wenn der Name ihrer Familie in der Lausitz noch immer, 90 Jahre danach (!), vergessen wird, wenn es um die Geschichte ihres ‚arisierten’ Familienbesitzes geht? Man braucht für die Antwort nicht allzu viel Phantasie aufzuwenden. Die Autorin hat jedenfalls, anders als Pauline Reimers, die Gelegenheit verpasst, ihren Teil dazu beizutragen, dass „die Nationalsozialisten ihr Ziel nicht erreicht haben“!
Rainer Bauer,
Bad Liebenwerda