In seinem Artikel versucht Stefan Kegel, einige Ursachen für die Flüchtlingsbewegungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu benennen. Nach meiner Einschätzung greift dies aber zu kurz und geht in entscheidenden Punkten am Kern der Sache vorbei.
Beginnen wir beim „Arabischen Frühling“. Wer diese Ereignisse kühl und sachlich analysierte und sich nicht einem  träumerischen Wunschdenken hingab, musste frühzeitig erkennen, welche Gefahren den Ereignissen in den jeweiligen Staaten innewohnten. Auf Grund der bestehenden Sozialstrukturen in diesen Ländern fehlten vielfach die Grundlagen für einen erwünschten Regime-Change hin zu westlichen Demokratien. Es fehlte in den meisten Ländern eine breite bürgerliche Mittelschicht, die als Träger für eine solche Entwicklung hätte agieren können. Damit bestand die Gefahr, dass mit dieser Entwicklung eine ganze Region von Marokko bis Pakistan ins Chaos gestürzt werden könnte.
Die Feststellung, „Auch Libyen ist im Chaos versunken.“, klingt, als hätten wir hier ein überirdisches Ereignis erlebt. Aber ab Februar 2011 stand der libysche Bürgerkrieg zunehmend im Fokcus der westlichen Staaten und ihrer Medien. Immer mit der Zielstellung, den Sturz Gaddafis herbeizuführen oder zumindest zu unterstützen. Das Problem war nur, dass kein Mensch eine konkrete Vorstellung hatte, wie es nach einem solchen Regime-Change weiter gehen sollte. Auch aus diesem Grund hatte sich die Afrikanische Union im März 2011 gegen eine Militärintervention und eine Flugverbotszone über Libyen ausgesprochen. Das Bestreben der Afrikanischen Union für eine diplomatische Lösung, das vom damaligen Außenminister Westerwelle unterstützt wurde, blieb ohne Ergebnis. Stattdessen kam es unter Führung Frankreichs, der USA, Großbritanniens und der Türkei zu einer militärischen Intervention mit bekannten Folgen. An dieser Militäraktion war ab Ende März 2011 auch die Bundeswehr beteiligt. Führungskräfte hatten Aufgaben zur Überwachung der Flugverbotszonen übernommen. Also, es war kein überirdisches Ereignis. Libyen ist nicht einfach so im Chaos versunken, sondern wurde „versenkt“.
2. Irakkrieg spielt eine Rolle
Wer nach den Ursachen der Flüchtlingsbewegungen sucht, kommt am zweiten Irakkrieg  2003 nicht vorbei. Dieser auf faustdicken Lügen seitens der USA und Großbritanniens basierende Krieg und besonders das stümperhafte und konzeptionslose Verhalten der USA nach dem Sturz Husseins führte in direkter Folge zur Bildung der Terrororganisation IS. Namentlich das politisch abenteuerliche Agieren des damaligen US-amerikanischen Stadthalters in Bagdad, Paul Bremer, und des damaligen stellvertretenden US-Verteidigungsministers Paul Wolfowitz hatten weitreichende Folgen. Die planlose und chaotische Auflösung der irakischen Armee, verbunden mit einer Desozialisierung  der Armeeangehörigen und ihrer Familien, sowie das Verbot der Baath-Partei und deren Einstufung als kriminelle Vereinigung trieb Tausende Iraker samt Waffen und Ausrüstung in die Arme des IS. Es ist wohl nicht zu bestreiten, dass die vom IS in Syrien, im Irak und in anderen Staaten begangenen Verbrechen die eigentlichen Wurzeln der Fluchtbewegungen sind.
Soweit nur einige Aspekte hinsichtlich der Ursachen der Flüchtlingsbewegungen im Mittleren und Nahen Osten. Ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, es sind also keineswegs „von Gott gegebene“ Umstände, die dazu führten, sondern es ist letztlich die Politik der westlichen Staaten.
Neokolonialistische Aspekte nicht vergessen
Bei den Ursachen für Flüchtlingsbewegungen darf man bestimmte ökonomische oder besser neokolonialistische Aspekte auch nicht aus dem Blick verlieren. Das betrifft speziell die Flüchtlingsbewegungen aus den Ländern südlich der Sahelzone. Hier spielt nach meiner Meinung die Wirtschaftspolitik der westlichen Industriestaaten eine entscheidende Rolle. Dafür nur zwei Beispiele: Agrarprodukte und Lebensmittel aus der EU werden dank EU-Subventionen zu verbilligten Preisen auf den afrikanischen Markt gebracht und verdrängen einheimische Erzeugnisse mit allen ökonomischen und sozialen Folgen. Fang- und Verarbeitungsflotten der EU-Staaten haben die ehemals reichen Fischgründe vor Westafrika erheblich dezimiert. Das hatte zur Folge, dass in der senegalesischen Fischereiindustrie massenhaft Arbeitsplätze bedroht oder schon verschwunden sind.
Auch das sollte man auf der Agenda haben, wenn man über Fluchtursachen nachdenkt.
Hans-Ulrich Brandt, Spremberg