Erhobener Zeigefinger
Bezeichnenderweise ist in der Vergangenheit kaum einer der der russischen Regierung angelasteten Mordanschläge endgültig aufgeklärt worden, was ja wohl auch überflüssig wäre, da in solchen Fällen die Kremlführung von vornherein als Auftraggeber beziehungsweise Täter festgemacht worden ist. Dass die Kanzlerin ultimativ und mit erhobenem Zeigefinger von der russischen Regierung sofortige Aufklärung des Giftanschlags auf Nawalny verlangt hat, halte ich für ungerechtfertigt. Schließlich hat Moskau die Untersuchung dieses Falles nicht verweigert und der ärztlichen Behandlung des Opfers in Deutschland keine Steine in den Weg gelegt. Dass der Kreml-Kritiker mitten in der russischen Provinz mit einem Ableger aus der Nowitschok-Gruppe vergiftet worden ist, ist noch lange kein Beweis dafür, dass der Kreml dahintersteckt.
Nowitschok, 1973 in einem Labor der untergegangenen Sowjetunion entwickelt, ist heute in den Händen so gut wie aller Geheimdienste, vermutlich auch im Besitz von Einzelpersonen. Stillschweigen darüber haben unter anderen US- und britische Geheimdienste vereinbart. Und Doppelagenten tummeln sich in allen Geheimdiensten. Ungeprüfte Schuldzuweisungen, Unterstellungen, wüste Spekulationen, Stopp von Nordstream II und weitere Russlandsanktionen sind der falsche Weg zur Aufklärung des Falles, im Umgang mit Russland allerdings nichts Neues.
Dass zur Wahrheitsfindung zuallererst die Unschuldsvermutung gilt und in alle Richtungen ermittelt werden muss, steht außer Frage, setzt aber voraus, dass alle Seiten bereit sind zu kooperieren und zu liefern. Doch das scheint keineswegs selbstverständlich zu sein. Am 6. September heißt es aus dem russischen Außenministerium, Berlin habe nicht auf ein Rechtshilfeersuchen der russischen Staatsanwaltschaft reagiert. Aller Vernunft zum Trotz haben der Fall „Nawalny“ sowie die politische Krise in Belarus zu einer abscheulichen Propagandakampagne gegen Russland und den russischen Präsidenten geführt, ganz im Sinne der US-Führung und ihrer europäischen Verbündeten: Der „russischen Bestie“ ist der Geldhahn zuzudrehen, das Land wirtschaftlich zu ruinieren, politisch zu isolieren und das Feindbild „Russland“ in den Köpfen zu zementieren.
Gesina Braun, Spremberg
Sofortige Verurteilung
Es war sofort nach dem Anschlag klar, dass der böse Putin dahintersteckt. Da hat sogar diese Zeitung sofort reagiert, etwa mit der Überschrift: „Putin schreckt für seinen Machterhalt selbst vor Mord nicht zurück“.
Zu solcherlei Äußerungen hat sich schon 1778 Gotthold E. Lessing ausgelassen:
Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine wachsende Vollkommenheit besteht. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz“.
So ist es doch sehr erfreulich, dass es noch Leser gibt, die sich die Mühe machen, selbst zu denken.
Da der Zusammenhang zwischen dem Anschlag und Nord­stream II nicht so richtig zu den russischen Interessen passt, hat Herr Röttgen, der Putin über alles „liebt“, eine bessere Version: Putin wollte mit dem Anschlag seinen Widersachern zeigen, was ihnen passiert, wenn sie sich nicht fügen und das gleich im Zusammenhang mit den Ereignissen in Belarus. So funktioniert Außenpolitik, wenn man sich einen „Schurken“ ausgeguckt hat.
Und Herr Trettin weiß trotz wiederkehrender Warnungen von Energetikern genau, dass wir Gas und Erdöl weder aus Rußland noch sonst woher brauchen. Was hat das reiche Deutschland für Politiker hervorgebracht, die scheinbar schon mit der absoluten Wahrheit geboren werden. Inzwischen ist es ja Mode, jeden, der nicht dem Mainstream, der staatlich verfassten Meinung folgt, als Verschwörungstheoretiker in die äußerste rechte oder linke Ecke zu stellen. Selbst in der Talkrunde bei Anne Will konnte sich Herr Röttgen nicht verkneifen, gegenüber der Linken Dagdelen von Verschwörungstheorie zu sprechen, als sie die Vermutung aussprach, den Anschlag könnte auch jeder andere
Geheimdienst durchgeführt haben.
Wolfram Friedrich, Altdöbern