Wenn ich dieses Jahr an Weihnachten denke, denke ich an die Christbaumkugeln, die an so vielen Weihnachtsbäumen hängen. Es gibt sie ja in den unterschiedlichsten Farben, rot oder auch blau, silbern oder golden. Sie glänzen, funkeln regelrecht – und, vielleicht das Schönste – man kann sich drin spiegeln.

Je nachdem, von wo man guckt, ist das Bild köstlich verzerrt: Man ist fülliger als in echt, so üppig war das Weihnachtsmenü doch nicht. Oder man ist viel hagerer als in Wahrheit – so mager war das Fest dann auch nicht. Warum hängen wir diese Kugeln an den Baum?

Miteinander über Grenzen hinweg

Ich glaube, es steckt zweierlei drin, was viel mit uns heute zu tun hat. Das eine: Die Kugeln spiegeln eine gewisse Sehnsucht nach ganz sein – rund und voll, ganz und vollkommen. Dafür steht ja das Fest – dass möglichst alle da sind.

Ob nun in der Familie, wo auch die Mutter kommt, die man das Jahr über kaum gesehen hat, sie ist genauso da wie die geliebte Schwester und der ungeliebte Bruder. Nur ein Beispiel, klar. Alle da – das ist eine Sehnsucht, die zu diesem Fest gehört.

Auch in der kleineren und größeren Politik. Frieden und Miteinander über die sonst manchmal so starren Abgrenzungen hinweg. Alle beieinander – das ist eine Sehnsucht, die in Berlin so trägt wie in der Lausitz, in Prenzlau so wie im Oderbruch. Alle miteinander über Grenzen hinweg.

Das zweite, wofür die Kugeln am Baum stehen – bzw. hängen: Sie erinnern an die Äpfel im Garten Eden, im Paradies. Mit der Geburt Jesu verbinden wir Christinnen und Christen im Glauben, dass Gott die Tür zum Paradies wieder öffnet. Da, wo Adam und Eva, also wir Menschen einst heraus mussten, da führt das Kind in der Krippe wieder hin.

Nun, das Paradies ist ein anderes Bild für eins sein, beieinander sein – mit den Menschen und mit Gott. Wenn die Christbaumkugeln etwas mit Äpfeln und paradiesischer Schöpfung zu tun haben, dann ist der Weg nicht weit zu den Fragen, die uns heute so umtreiben.

Alles ist zerbrechlich

Wie bewahren wir die Umwelt, das Klima, wie schützen wir die Schöpfung vor dem Raubbau, den wir an ihr schon so lange betreiben? Ich bin mir fast sicher, dass diese Fragen auch bei diesem oder jenem Weihnachtsessen in diesem Jahr traktiert werden, wenn alle zusammengekommen sind und der Blick womöglich auf den Baum fällt.

Die Christbaumkugeln stehen ja gewissermaßen für das Versprechen Gottes: Die Schöpfung soll uns einen, Gott bleibt ihr treu, wir wollen sie bewahren.

Sie könnten nun einwenden: Diese glänzenden Kugeln gehen aber ziemlich schnell kaputt, man muss nur einmal zu fest draufdrücken, ohne jede Absicht, und es macht klirr. Zig Scherben, die ich nicht mehr zusammengeklebt kriege.

Was ist das nun für ein Zeichen? Dass das „Alle miteinander“ in der Feststube schnell mit einer Bemerkung zerbrechen kann? Dass der kleine und große Weihnachtsfrieden brüchig ist und kaum über den 27. hält? Dass die aktuellen Debatten über die richtigen Wege die Schöpfung zu bewahren unversöhnlich bleiben, bleiben müssen womöglich? Dass die Sorge um Arbeit und Sicherheit eben auch schwer wiegt?

Gott sieht, was andere übersehen

Ach, so ist das mit den Zeichendeutungen, ich wäre da vorsichtig und will es lieber nicht so überdehnen. Wenn überhaupt, dann stehen die Scherben der Christbaumkugel dafür, dass Gottes Sohn dahin, erst recht dahin kommt, wo uns etwas zerbricht.

Das ist ja die Botschaft, die in dieser Geburt Jesu steckt: Gott sieht das Kleine, das Übersehene. Wenn so viel von „abgehängt“ dieser Tage die Rede ist, dann vielleicht doch auch so: Gottes Sohn kommt im damals so abgehängten, abgelegenen Bethlehem zur Welt. Und das Erste, was dieses Kind nach der Geburt erleben muss, ist die Flucht mit seinen Eltern. Ein Flüchtlingskind.

Was zerbrochen und übersehen scheint – von Gott wird es angesehen. Er ist da und schenkt seinen Glanz. Zu sehen in den Christbaumkugeln. Und zu sehen in unseren zerbrechlichen Leben. Zerbrechlich schön.