Will man von meinem Wohnort Schöneiche im südöstlichen Umland von Berlin ins benachbarte Neuenhagen, dann merkt man, wo es in Brandenburg bei der Verkehrswende hakt. Für die knapp vier Kilometer braucht man mit dem Auto fünf Minuten, mit dem Fahrrad zehn Minuten. Das kostet praktisch nichts. Mit dem öffentlichen Nahverkehr ist ein Umweg über Berlin-Ostkreuz nötig. Kostenpunkt: eine Stunde und ein ABC-Ticket, das zum Jahresbeginn noch teurer geworden ist (3,60 Euro). Die Rückfahrt noch nicht eingerechnet. Das zeigt: Selbst im Berliner „Speckgürtel“ sind wir von der Verkehrswende weit entfernt. In ländlicheren Regionen sieht es oft noch schlechter aus.

Leben ohne Auto? Unmöglich!

Dabei ist Mobilität ein Grundbedürfnis. Und ein Grundrecht. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) twitterte in dieser Woche sinngemäß: Es braucht einen flächendeckenden Ausbau von Mobilitätsangeboten, die es allen Menschen ermöglichen, ohne eigenes Auto uneingeschränkt leben zu können. Recht hat er! Wo bleibt denn der Verfassungsauftrag gleichwertiger Lebensverhältnisse, wenn ein Alltag ohne privaten Pkw vielerorts gar nicht möglich ist? Ob nun auf dem Weg zur Arbeit, zum Arzt, zum Einkauf, ins Kino, zu Freunden – Wer leben will, muss mobil sein. Scheitert die Verkehrswende, leiden zuerst Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen. Häufig können sie sich ein eigenes Auto gar nicht leisten oder müssen dessen Kosten schmerzhaft an anderer Stelle einsparen. Das Sozialticket für Cottbus können Hartz-IV-Betroffene immerhin ohne Einbußen bezahlen. 32,90 Euro sind im Regelsatz für Verkehr veranschlagt. Wer regelmäßig in einen anderen Landkreis muss, bekommt schon Schwierigkeiten. Dann kostet das Sozialticket 53,70 Euro. Wer nach Berlin fährt, hat Pech. Das Sozialticket endet an der Landesgrenze. Wo auf dem Land bestenfalls ein Schulbus fährt, am Wochenende und in den Ferien also überhaupt kein Nahverkehr angeboten wird, hat zum Auto bislang keine Alternative. Die Forderung unserer Volksinitiative „Verkehrswende in Brandenburg jetzt!“ ist: Mobilität für alle in ganz Brandenburg. Und zwar ohne Zwang zum eigenen Pkw.

Straßenverkehr ist größte CO₂-Schleuder

Dann ist da noch die Sache mit dem Klima. Der Verkehr leistet als einziger Bereich keinen Beitrag zur Begrenzung der Klimaschäden, sondern stößt immer mehr Treibhausgase aus. Insbesondere der Straßenverkehr hierzulande ist eine der größten CO₂-Schleudern. Wollen wir die Klimaziele erreichen, müssen in Zukunft doppelt so viele Wege mit Bahn, Bus, Fahrrad und zu Fuß zurückgelegt, der private Pkw- und der Güterverkehr auf der Straße reduziert werden. Unsere Forderung: Saubere Mobilität bis 2050.

Ein bisschen Verkehrswende reicht nicht

Im Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung finden sich konkrete Verabredungen, insbesondere zum Ausbau der Regionalbahnen. Das ist gut. Doch die Klimaveränderungen stellen uns vor größere Herausforderungen, als die Politik gewohnt ist. Ein bisschen Verkehrswende wird nicht reichen. Mit welchem Elan selbst diese ersten Schritte Richtung Verkehrswende gegangen werden, bleibt abzuwarten. Immerhin war der neue Landesverkehrsminister zuvor Staatssekretär unter Bundesminister Andreas Scheuer (CSU). Der arbeitete zuletzt engagiert an Flugtaxis und der gescheiterten Pkw-Maut. Als Vorkämpfer der Verkehrswende tat er sich nicht hervor.

Unsere Volksinitiative möchte der Politik auf die Sprünge helfen. Gemeinsam fordern Umweltverbände, Studierende, Gewerkschaften, Verkehrsunternehmen, Fahrgastverbände, Klimaschutz- und Bürgerinitiativen die Verkehrswende in Brandenburg jetzt umzusetzen. Damit es zwischen Schöneiche und Neuenhagen künftig eine Direktverbindung gibt. Damit das zweite Gleis zwischen Lübbenau und Cottbus nicht bis 2027 auf sich warten lässt. Und damit wir alle, überall in Brandenburg, in Zukunft auch ohne eigenes Auto mobil sein können.

Informationen und Unterschriftenlisten der Volksinitiative „Verkehrswende in Brandenburg jetzt!“ finden Sie unter www.verkehrswende-brandenburg.de.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns an leserbriefe@lr-online.de (Bitte Name und Adresse angeben).

Ein Andreaskreuz, Gleis, kein Zug: Mit einem attraktiveren Angebot im öffentlichen Personennahverkehr soll der Umstieg vom Auto auf Busse und Bahnen beschleunigt und der Klimaschutz verbessert werden. Nur wann?
Ein Andreaskreuz, Gleis, kein Zug: Mit einem attraktiveren Angebot im öffentlichen Personennahverkehr soll der Umstieg vom Auto auf Busse und Bahnen beschleunigt und der Klimaschutz verbessert werden. Nur wann?
© Foto: dpa/Bernd Thissen

Zur Person: Fritz Viertel


Fritz Viertel (28) ist Referent für städtische Mobilität beim „Think Tank“ Agora Verkehrswende und arbeitet nebenberuflich als Straßenbahnfahrer bei der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn. Er studierte Geschichte und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit Mai 2019 ist er ehrenamtlicher Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) in Brandenburg und in dieser Funktion Mitgründer der Volksinitiative „Verkehrswende in Brandenburg jetzt!“.