Wir werden verändert sein und unser Land. Noch nie habe ich, haben wir alle, so eine Krise erlebt. Aber: Krisen können auch der Beginn von Veränderungen und sogar Verbesserungen sein. Einige der größten Errungenschaften der Zivilisation sind nach Kriegen und Seuchen entstanden.

Das Ende der großen Pestseuche in Europa im 14. Jahrhundert war der Beginn der Renaissance, eine der kulturell beflügelndsten und reichsten Phasen der Menschheitsgeschichte, mit einem bis dahin nicht gekannten Individualismus. Auf den Zweiten Weltkrieg folgte das Erstarken West-Europas in der EU (vormals EWG) mit seiner Demokratie, seinem Wohlstand, mit dem Frieden, grenzenlos. Nach den Ölkrisen von 1973 sowie 1979/80 entstand mit der grünen Bewegung das Bewusstsein für unsere begrenzten Ressourcen und den Aufbau von erneuerbaren Energien. Vor 30 Jahren vereinigten sich die beiden deutschen Staaten.
Alle Ereignisse prägten die jeweiligen Generationen nachhaltig. Sie stellten die Menschen vor extreme Probleme, vor Lösungen, für die es keine Modelle gab. Jeder Einzelne erlebte Brüche und musste sich neuen Lebensentwürfen stellen. Das wiederholt sich nun. Der Blick in die Geschichte sollte uns die Hoffnung geben, dass wir diese Krise meistern. Und vielleicht hilft sie auch, etwas zu verändern, was in den vergangenen Jahren immer spürbarer wurde: unsere so unglaublich zerrissene Gegenwart.

Es gibt wieder mehr Dialog

Wir haben in der Gesellschaft nicht mehr gut zusammengefunden. Die Sprache zwischen uns, zwischen den politischen Kräften, zwischen verschiedenen Gruppierungen, sie schien verstummt zu sein. Aber nun scheint zumindest der Dialog zwischen den politischen Entscheidern und uns, der Bevölkerung, wieder in Gang gekommen zu sein. Wir hören aufeinander, wir reagieren aufeinander. Das empfinde ich als einen Neuanfang.
Der ist wichtig, denn wir haben schwere Zeiten vor uns. Die Krise zwingt dazu, Dinge anders zu machen, neu zu denken. Jetzt, und in den kommenden Monaten und Jahren.
Das kann eine Chance sein für unsere Welt, für unser Land, für unsere Region. Nutzen wir sie. Fördern wir den Zusammenhalt, mobilisieren wir unsere Energien. Verzicht und Solidarität, Verständnis für andere, Empathie: Dies sollte der Slogan für die nächsten Jahre sein.
Für unser Theater war, ist und wird es schwierig bleiben. Wir brauchen den Kontakt, den Austausch mit unserem Publikum. Unsere Kunst ist die einzige, die sich genau in dem Moment entfaltet, wenn die Produzenten mit den Konsumenten zusammentreffen.
Halten wir alle Kontaktbeschränkungen ein, setzen wir die Hygienekonzepte so um, wie es die Pandemie erfordert, sitzt das Publikum in halbleeren Theaterräumen, mit Masken vor den Mündern und Schauspieler*innen versuchen Liebesszenen zu spielen mit Plastikvisieren vor den Gesichtern.
Im Grunde kann dann von „Romeo und Julia“ nur noch die Balkonszene gespielt werden. Würden Sie solch ein rudimentäres Theater sehen wollen? Und wollen wir so spielen? Geht da nicht unser einmaliger Zauber verloren?
Manuel Soubeyrand 
  Foto: Patrick Pleul/dpa
Manuel Soubeyrand Foto: Patrick Pleul/dpa
© Foto: Foto: Patrick Pleul/dpa

Online kann Live-Erlebnis nicht ersetzen

Die digitalen Formate sind kein Ersatz. Sie haben uns, den Akteuren der Neuen Bühne, als Überbrückung geholfen, aber nun sehne ich mich wieder nach dem Analogen. Das Theater ist nicht tot, und es wird nicht sterben. Es hat den Puritanismus, Diktaturen und viele andere Krisen überstanden, und es wird auch diese Krise überstehen.
Das Theater wird den Menschen immer wieder über die Wirklichkeit hinaus zum Zuschauen treiben, um das geheimnisvolle Wunder zwischen lebendigen Menschen im Theater, das Geben und Empfangen, zu erleben. Das kann nicht verdrängt, das kann nicht ersetzt werden. Das ist einzigartig.

Zur Person


Manuel Soubeyrand wurde als Sohn des Schauspielers Jean Soubeyran und dessen Frau Brigitte Soubeyran 1957 in Köln geboren. Ein Jahr nach seiner Geburt siedelte seine Mutter mit ihm in die DDR nach Ost-Berlin über. Dort arbeitete er nach dem Abitur als Bühnenarbeiter an der Volksbühne Berlin. Von 1979 bis 1982 studierte er an der Staatlichen Schauspielbühne in Ost-Berlin. Danach hatte er ein Engagement als Schauspieler von 1982 bis 1993 beim Berliner Ensemble. Ab 1988 arbeitete er auch als Gastdozent.

Ab 1993 war er zudem als freischaffender Regisseur tätig. Er wurde 2000 an das Schauspiel in Chemnitz als Schauspieldirektor und Chefregisseur engagiert. Ab der Spielzeit 2004/2005 war er Intendant der Württembergischen Landesbühne Esslingen. Seit September 2014 ist er Intendant der Neuen Bühne in Senftenberg.