Über unsere Sprache können wir trefflich streiten. Sie muss ständig erneuert werden, sie sollte in die Zeit passen und sie könnte im besten Gebrauch sachgemäß das beschreiben, was passiert (ist). Das funktioniert nur leider nicht immer so.

Ich habe 30 Jahre in der DDR gelebt und nun lebe ich bereits 30 Jahre im neuen Deutschland. Ich bin sozialisiert mit unerträglichen Parolen, schlimmen Verkürzungen, platter, ideologisierter Wortwahl. Wir haben es überlebt. Allerdings mit hervorragender Literatur und Liedtexten. Heute muss ich Verrohung in der Sprache erleben, nicht immer nur durch Anonymität verursacht. Weltpolitiker machen es vor.

Seit nunmehr 30 Jahren, also sehr passend zum Jubiläum des Mauerfalls, ärgere ich mich über den Begriff WENDE, der es mit Selbstverständlichkeit in die Alltagssprache geschafft hat. Maßgeblich verursacht durch den penetranten Gebrauch in den Medien, auch in dieser Tageszeitung.

Gastkommentar: Keine Wende, sondern Revolution

Es war eine Revolution, eine friedliche, wie wir betonen dürfen. Die DDR-Bürger haben dafür gesorgt, eine Gesellschaftsordnung zu ändern. In unblutiger Definition bedeutet dies „eine umwälzende, bisher Gültiges, Bestehendes o. Ä. verdrängende, grundlegende Neuerung, tiefgreifende Wandlung“ (Wörterbuch).

Egon Krenz übernahm am Ende der SED-Herrschaft in der DDR im Oktober 1989 den Parteivorsitz von Erich Honecker. Krenz wird der Begriff Wende für diese Zeit zugeschrieben. Das Foto ist vom 1. November 1989, Krenz war damals zu Besuch in Moskau bei KPDSU-Chef Michail Gorbatschow.
© Foto: Vitaly Armand/AFP

Nun war es, inzwischen schon als Mythos benutzt, wohl am 18. Oktober 1989, als nach dem Sturz Honeckers Egon Krenz in seiner Ansprache im DDR-Fernsehen dieses Wort in die Welt brachte, obwohl unter anderem auch schon Helmut Kohl den Begriff der politischen Wende in den 80er-Jahren im Munde führte.

Es wurden halbherzige Reformen angekündigt, um die Stimmung im Land zu befrieden. Aber es konnte nichts mehr vertrösten. Ich erinnere mich, wie wir in einer Prenzlauer-Berg-Wohnung saßen und nach einer Minute anfingen zu lachen. Nach zwei Minuten hörten wir schon nicht mehr hin.

Gastkommentar: Wende ist ein verniedlichendes Konstrukt

Egal! WENDE ist ein maßlos verniedlichendes Konstrukt, auch wenn es noch so knackig daherkommt. Gerade für uns Ostdeutsche muss doch der Stolz verteidigt werden, eine Revolution angezettelt zu haben. Die Tschechen nennen ihre Umwälzung Samtene Revolution, die Ukrainer benutzen eine Farbe: Orange. Sehr poetisch.

Der bereits in der DDR bekannte Schauspieler Kurt Böwe nannte die Bewegung im Lande ironisch KEHRE. Dies ist näher dran am Wenden mit dem Auto oder das Umblättern von Buchseiten. Das Wort beinhaltet allerdings auch das Auskehren, was bestens passen würde.

Also, lasst uns WENDE verdammen (es kam das unsägliche Wort jetzt schon wieder viermal vor) und entweder KEHRE benutzen oder endlich mit geschwellter Brust von einer Revolution oder von einem politischen Systemwechsel sprechen und schreiben. Erst recht, wenn jetzt einige die Wende vollenden möchten. Ein Missbrauch des Missbrauchs.

Was meinen Sie, liebe Leserinnen und Leser? Wir freuen uns auf Ihre Reaktionen zu diesem Gastkommentar. Schreiben Sie an leserbriefe@lr-online.de

Lebenslauf Jörg Ackermann


Jörg Ackermann wurde 1959 in Lübben geboren und wohnt immer noch im Spreewald. Der Kultur- und Literaturwissenschaftler (Diplom an der Humboldt-Universität zu Berlin) war bis 1989 im staatlichen Kulturbereich der DDR tätig, machte sich 1990 als Buchhändler in Cottbus selbstsständig. Außer fürs Staatstheater arbeitete Ackermann auch als Verlagsleiter und brachte das Stadtmagazin Hermann heraus. Seit 1989 ist er Geschäftsführer der pool production GmbH – Agentur für Aufmerksamkeit. Als Hauptprojekte nennt Ackermann das Filmfestival Cottbus, connecting cottbus, das Gartenfestival Park und Schloss Branitz sowie die Nacht der kreativen Köpfe in Cottbus. Er engagiert sich ehrenamtlich im Kuratorium des Gartenfestivals.