Seit 2001 sind wir Lesefüchse in Cottbus unterwegs und lesen Geschichten vor. Unser Verein Lesefuchs lebt von Nähe, Vertrautheit und unmittelbarem Gegenüber zu Kindern und Jugendlichen, indem wir ihnen an unseren Vorleseorten die Welt der Bücher nahe bringen.
Vorlesen hat viele positive Effekte bei der individuellen Entwicklung von Kindern, fördert die Konzentrationsfähigkeit und Kreativität. Von klein auf lernen sie durch Zuhören den Klang ihrer Muttersprache und vergrößern ihren Wortschatz. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, fällt später das Lesen und Schreiben leichter.

Handy ersetzt Buch-Erlebnis nicht

Geschichten sind ein Weg, sich mit verschiedenen Themen zu beschäftigen. Kinder entwickeln Vorstellungsvermögen durch Geschichten, die vielleicht noch nicht verfilmt wurden und Empathie, indem sie sich in ihre Helden aus den Geschichten hineinversetzen. Dies gilt übrigens nicht nur für Kinder und Jugendliche.
Und kein Handy oder Computer kann das Blättern in einem schönen Buch ersetzen. Oft werden unsere Lesefüchse mit Spannung und Vorfreude erwartet. Wir können trösten und neugierig machen und gemeinsam mit unseren kleinen Zuhörern neue Welten entdecken. Uns ist dies alles im Moment nicht möglich.
Doch Distanz und Vorsicht sind im Moment noch unsere Normalität. Für viele Menschen war und ist es immer noch eine schwierige, anstrengende Zeit. Nicht nur das Zuhause-bleiben-müssen, weil Kinder oder zu pflegende Angehörige tagsüber immer noch nicht in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren können.

Vereine von Zukunftssorgen geplagt

Die ungewohnte Belastung für die Betroffenen ist enorm, sie stoßen an ihre physischen, psychischen, aber auch finanziellen Grenzen. Viele haben existentielle Nöte, ohne persönliches Verschulden, weil es ihnen immer noch nicht möglich ist, ohne Hilfe den Lebensunterhalt zu bestreiten!
Jetzt zeigt sich, was unser „normales Leben“ ausmacht, wie feinmaschig vernetzt wir sind, wie unser Lebensumfeld auf vielfältige Weise verknüpft ist. Niemand kann allein auf sich gestellt existieren.
Zukunftssorgen haben auch Vereine und soziale Organisationen. Zurück ins Gewohnte oder alles neu? Das ehrenamtliche Engagement ist auch in unserer Stadt nicht eingeschlafen, die Kreativität hat so viele gute Ideen und Aktionen hervorgebracht.
Aber ich glaube, es gibt auch Menschen, die ihre festen Abläufe und Routinen brauchen, weil Neues und Ungewohntes sie aus ihren Bahnen werfen kann.
Ein Verein, wie der macht los e.V., der sich um psychisch kranke Menschen kümmert, kann aufgebaute Strukturen nicht komplett über den Haufen werfen, sich neu erfinden.
Nicht nur ich als ehrenamtlich Tätige wünsche mir, dass sich unser LEA-Leseklub (Lesen Einmal Anders), bei dem Menschen mit und ohne Behinderung regelmäßig Texte mit einfacher Sprache lesen, wie gewohnt zum gemeinsamen Lesen treffen kann.

Vorlesen schafft Geborgenheit

Wir sind nicht untätig und erreichen die kleinen und großen Zuhörer jetzt auf digitalen Wegen. Wir geben Anregungen zum Vorlesen und Büchertipps oder lesen selbst vor. Vernetzt mit der Freiwilligenagentur entwickeln und unterstützen wir gemeinsam spezielle Angebote für Menschen, die helfen wollen und Menschen, die Hilfe benötigen.

Aber wie wird es weitergehen? Weiter vorlesen mit Maske und auf Abstand? Werden wir wieder an unsere Vorleseorte zurückkehren können? Soziale Nähe und das Gefühl von Geborgenheit beim Vorlesen können durch Online-Lesungen nicht ersetzt werden.
Zu Hause bleiben, nicht arbeiten können, sich Sorgen um Gesundheit und Zukunft  machen: Neben all der Anspannung gibt uns das aber auch Zeit und Gelegenheit, zusammenzurücken, uns mehr auf Familie und Freunde einzulassen; „Wichtigkeiten“, Routinen und uns selbst zu hinterfragen. Und wir entdecken das Lesen und Vorlesen neu.
Karola Morys
Karola Morys
© Foto: privat

Zur Person


Karola Morys, geboren im August 1963 in Spremberg und aufgewachsen in Weißwasser, lebt seit 1986 in Cottbus. Von klein auf gehören Bücher und Bibliotheken zu ihrem Leben.

Sie ist seit 2001 engagierte Vorleserin und seit 2015 Vereinsvorsitzende des Cottbuser Vereins Lesefuchs e. V.

Gemeinsam mit dem LEA-Leseklub des macht los e.V. und dem Förderverein der Stadt- und Regionalbibliothek Cottbus trägt sie ehrenamtlich zur Leselandschaft und zur Lesekultur bei.