Auf die Frage, wer eigentlich Strukturwandel in der Lausitz macht, fallen einem schnell ein paar Verantwortliche ein: etwa Ministerpräsidenten, die Zeitkorridore für den Kohleausstieg verhandeln oder Parlamentarier, die das Strukturstärkungsgesetz verabschieden. Vielleicht auch noch die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der Lausitz Runde.
Aber liegt die Gestaltung eigentlich allein in deren Händen? Nein, lautet meine Antwort als Soziologin, die zum Strukturwandel in der Lausitz forscht. Die konkreten Veränderungsprozesse werden entscheidend von den Menschen vor Ort angestoßen.

Lausitzer nehmen ihre Zukunft in die Hand

Einige sichtbare Beispiele sind die Telux, das soziokulturelle Zentrum in Weißwasser, die Kulturfabrik Hoyerswerda oder das Kraftwerk Hirschfelde, die Brikettfabrik Louise und die Energiefabrik Knappenrode – allesamt nicht nur eindrückliche Baudenkmäler, sondern Orte, an denen engagierte Menschen schon längst begonnen haben, den Strukturwandel selbst in die Hände zu nehmen, um ihre Zukunft und die der Region zu gestalten.
Der Beginn des Wandels steckt häufig in leeren Gebäuden, die zu Keimzellen für neue Strukturen werden können. Viele engagierte Menschen in Vereinen und Initiativen tragen dazu bei, dass aus diesen Keimzellen Neues erwächst.
Das klingt so banal, aber es ist alles andere als selbstverständlich und leicht, nicht am Gewohnten und Erwarteten festhalten, sondern für diese Relikte der Vergangenheit neue Funktionen zu ersinnen, Nutzungskonzepte zu schreiben und dafür Genehmigungen zu erstreiten. Zudem bedrohen Nachwuchs- und finanzielle Sorgen das Engagement vielerorts.
Der Blick in die Vereinslandschaft lohnt jedoch – nicht nur, um einen Eindruck von den Ideen zu bekommen, sondern auch um die Gewissheit zu erlangen, dass längst gehandelt und auch debattiert wird.

Lausitzer Vereine und Engagierte treiben Veränderung voran

Es braucht Öffentlichkeit, es braucht öffentliche Räume für Vereine und Initiativen: Deren Auseinandersetzungen über Gegenwart und Zukunft der Lausitz sind zu wertvoll, als dass auf sie verzichtet werden sollte – sehr vielseitig, oft unbequem, manchmal unorganisiert, vielerorts kleinräumig und auch politisch streitbar. Aber: Sie treiben Veränderungen und neue Kooperationsformen an.
Damit Zivilgesellschaft ihre gestaltende Wirkung entfalten kann, muss sie wahrgenommen werden, und ihr Veränderungswissen (mit-)teilen. Heute sitzen viele, die in Vereinen und Initiativen begonnen haben, in Stadtparlamenten oder kandidieren als Bürgermeisterinnen, um Veränderungen zu gestalten.
Neben politischen Arenen suchen engagierte Menschen Gelegenheiten, ihre Aktivitäten vor Ort und darzustellen: Bürgerinnen und Bürger der Initiative „Sohland lebt!“ tun dies im ehemaligen Gemeindezentrum; das „Frauen.Wahl.Lokal.“ unterstützt kommunalpolitisch aktive Frauen an unterschiedlichen Orten der Lausitz und das „FabLab Cottbus“ bringt technisches Knowhow dorthin, wo es benötigt wird: in die Jugendarbeit ebenso wie in Frauenschutzhäuser.
Was sie alle vereint, ist der Wunsch, Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft zu übernehmen, und die Fähigkeit bisher Unverbundenes zusammenzubringen – das Neue entsteht im Teilen. Medienpartner, offene Schulen und Rathäuser können diese neuen Verantwortungsgemeinschaften fördern und unterstützen.

Zur Person

Julia Gabler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Sozialer Strukturwandel und responsive Politikberatung in der Lausitz“ am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. Gemeinsam mit Johannes Staemmler und Jana Priemer hat sie eine Studie zur Zivilgesellschaft als Hoffnungsträgerin im Strukturwandel der Lausitz erarbeitet. Dort kann die ganze Vielfalt von aktiven Vereinen und Stiftungen in Zahlen und Fakten nachgelesen werden.