Hurra! Sabine hat ihr Abitur in der Tasche. Wer hätte das gedacht? In den letzten beiden Schuljahren in Mathe und Deutsch eine glatte Fünf, in den Abiturprüfungen sogar eine Sechs – aber geschafft, ist geschafft. Jetzt darf sie an einer Universität studieren. Glauben Sie nicht?
Aber genau so ist es in der Bildungsrepublik Deutschland möglich. Und es kommt noch viel dicker. Im deutschen Abitur ist nicht einmal gesichert, dass zwei Schüler aus verschiedenen Bundesländern, die dieselben Fächer belegen und exakt dieselben Leistungen und Zensuren aufweisen, am Ende auch dieselbe Abiturnote bekommen. Das deutsche Abitur beherrscht nicht einmal die einfachsten Regeln der Mathematik.

Abiturnote ist nicht gleich Abiturnote

Und dieses Chaos ist keine Kleinigkeit. Ein ums andere Mal beklagt das höchste deutsche Gericht die „eingeschränkte länderübergreifende Vergleichbarkeit“ der Abiturnoten. Der Staat ist verpflichtet, seine Bürger nach gleichen und gerechten Maßstäben zu behandeln. Beim Abitur kann davon schon seit Jahrzehnten nicht die Rede sein. Damit lebt Deutschland mit seinem Abitur permanent am Rande des Verfassungsbruches.
Ausgerechnet in der Lausitz lässt sich das Dilemma besonders schön beobachten. Mit 2,25 in Sachsen und 2,29 in Brandenburg liegen die durchschnittlichen Abiturnoten beider Länder sehr dicht beieinander. Bei den gemessenen Schülerleistungen hingegen sieht es ganz anders aus.
Während Sachsen neben Bayern bei den Gymnasiasten die Spitzengruppe bildet, liegt Brandenburg ganz weit hinten. Nur Hessen und Berlin sind noch schlechter. Bereits in der neunten Jahrgangsstufe haben die sächsischen Gymnasiasten in Mathematik oder Physik gegenüber ihren Kollegen aus Brandenburg einen Lernvorsprung von rund einem Schuljahr. Und trotzdem werden sie alle beim Abitur auf wundersame Weise fast identische Abschlussnoten haben. Ist das gerecht?

Mehrheit der Bürger befürwortet Zentralabitur

Während insbesondere die Bildungspolitiker nicht müde werden, die segensreichen Wirkungen des Bildungsföderalismus zu lobpreisen, sieht das Wahlvolk das völlig anders – und hat ganz recht damit. Rund 90 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger sprechen sich in repräsentativen Umfragen immer wieder für zentrale Abschlussprüfungen aus.
Und das ist ja auch ganz logisch: Weder Physik noch Mathematik funktionieren in Brandenburg anders als in Sachsen – oder Hamburg. Warum also sollten die Kinder dann in den einzelnen Ländern ganz Unterschiedliches lernen?
Ganz einfach: weil nur so das Niveau des Abiturs nahezu beliebig politisch manipuliert werden kann. Würden alle Schüler in Deutschland nach einheitlichen Rahmenplänen und Stundentafeln unterrichtet und müssten dieselben Prüfungen ablegen, wäre Schluss mit dem deutschen Abiturbetrug.
Hamburg wird sich daher mit seiner Abiturquote von 55 Prozent auch weiterhin mit Händen und Füßen gegen ein einheitliches Abitur zum Beispiel auf bayerischem oder sächsischem Niveau wehren. Andernfalls dürfte es demnächst vorbei sein mit der höchsten Abiturientenquote aller Länder.

Der Osten weiß, wie’s gehen kann

Dabei könnte ausgerechnet der Osten dem Westen zeigen, was eine Harke ist. Sie erinnern sich? Das gab es nämlich alles schon einmal: zentrale Abschlussprüfungen, einheitliche Stundentafeln und Schulbücher. Das war übersichtlich, praktisch, gerecht und familienfreundlich.
Und nein, wir haben nicht vergessen, dass es damals auch Staatsbürgerkunde- und Wehrunterricht gab. Natürlich wollen wir nicht alles wiederhaben. Aber auch im Westen ist nicht alles Gold, was glänzt. Der Osten hat eigene Erfahrungen mit einem zentral gesteuerten, niveauvollen und gerechten Schulsystem. Er könnte Vorreiter für ganz Deutschland sein. Das Wahlvolk Deutschlands stünde hinter ihm. Worauf warten wir?

Zu den Personen


Katja Koch ist Professorin für Sonderpädagogik an der Universität Rostock, Mathias Brodkorb war Bildungs- und Finanzminister in Mecklenburg-Vorpommern. Im März 2020 wurde das gemeinsam verfasste Buch „Der Abiturbetrug. Vom Scheitern des deutschen Bildungsföderalismus. Eine Streitschrift“ im Klampen Verlag veröffentlicht.