Die Zustimmung zu der aktuellen Politik der Bundesregierung im Umgang mit der Corona-Krise ist nach wie vor hoch. Rund zwei Drittel der Bevölkerung unterstützen den Kurs der  Bundesregierung einer vorsichtigen und kontrollierten Öffnung des öffentlichen Lebens.

Aber zunehmend wächst der Druck, angesichts der sinkenden Zahlen der Neuansteckungen die bestehenden Restriktionen schnell und umfassend außer Kraft zu setzen und wieder zur Normalität zurückzukehren. Aber ist das klug?

Gefahr einer neuen Infektionswelle

Nach wie vor infizieren sich zwischen 600 und 900 Personen am Tag in Deutschland mit dem Covid-19-Virus. Inzwischen hat man sich an die hohen Zahlen gewöhnt, aber ohne Schutzmaßnahmen reichen schon wenige Hundert Infizierte aus, um eine neue Welle der Epidemie über Deutschland auszulösen.
Die galoppierenden Zahlen in vielen Ländern der Welt sind deutliche Zeichen dafür, dass der Virus nicht von selbst verschwindet, zumindest nicht, bis eine Durchseuchung der Bevölkerung erfolgt ist oder ein effektiver Impfschutz vorliegt. Beides ist zurzeit nicht in Sicht.
Natürlich kann ein weitgehender Stillstand aller sozialen, ökonomischen und kulturellen Aktivitäten nicht auf Dauer aufrechterhalten werden. Aber solange sich das Virus weiterverbreitet, kann es nur nach dem Motto „Kleine Schritte und strikte Beobachtung der Fallzahlen“ gehen. Sonst laufen wir unaufhaltsam auf eine zweite Welle zu.

Schweden ist kein Vorbild

Kritiker dieser Politik verweisen gerne auf das Beispiel Schweden, wo Schulen und Kitas weiter geöffnet sind und man auf die freiwillige Mitwirkung der Bevölkerung setzt.
Aber gerade das Beispiel Schwedens zeigt: Verglichen mit der Bevölkerungszahl und der statistisch zu erwartenden Zahl von Todesfällen pro Tag steht das Land keineswegs besser da als andere Länder in Europa, erst recht nicht als Deutschland.
Zudem ist Schweden wesentlich dünner besiedelt und das Einhalten von freiwilligen Regeln hat doch eine wesentlich höhere Wirksamkeit als bei uns.
Es bleibt also dabei: Abstand halten und Berührungspunkte vermeiden sind zurzeit die einzig wirksamen Gegenmittel gegen die Ausbreitung der Krankheit.

Demagogen missbrauchen Pandemie

Das passt vielen nicht in den Kram und es werden hanebüchene Theorien und Erklärungen in die Welt gesetzt, um das Risiko durch Covid-19 zu relativieren oder andere interessengebundene Botschaften unter dem Deckmantel der Entrüstung über die angebliche Entmündigung der Bürger zu transportieren.
Demagogen  von der rechts- und linksextremen Seite, international agierende Impfgegner, Verschwörungstheoretiker jeglicher Couleur versuchen uns einzureden, dass die Bedrohung durch den Virus entweder gar nicht besteht oder aber hochgespielt wird, um heimlich die Bürgerrechte außer Kraft zu setzen.
Dabei sprechen die Zahlen der an oder mit Corona verstorbenen Menschen eine eindeutige Sprache: mehr als 300 000 Tote weltweit und mehr als 8000 allein in Deutschland.  Wer hier von einem Scheinrisiko spricht, muss zahlenblind sein.
Es bleibt dabei: Räumliche Distanzierung, Einhaltung der Hygiene-Richtlinien und ein vorsichtiges und besonnenes Hochfahren der wirtschaftlichen und kulturellen Aktivitäten sind  Gebote der Klugheit, die jedem einleuchten sollten.
Gleichzeitig sind alle, die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Verantwortung tragen, aufgerufen, gemeinsam Anstrengungen zu unternehmen, um kreative Potenziale zu wecken und innovative Ideen zur Überwindung der Krise und zur Stärkung der Abwehrkräfte anzuregen.
Denn in einer erfolgreichen Krisenbewältigung liegen auch Chancen: etwa zur stärkeren Ausrichtung der wirtschaftlichen Leistungen auf nachhaltige Produktion, Produkte und Dienstleistungen, sowie zum Aufbau von robusten Infrastrukturen als Vorsorge gegen künftige Bedrohungen.
Ortwin Renn  Foto: IASS 
 Potsdam/Lotte Ostermann
Ortwin Renn Foto: IASS Potsdam/Lotte Ostermann
© Foto: Foto: IASS Potsdam/Lotte Ostermann

Zur Person


Prof. Ortwin Renn, geboren im Dezember 1951 in Schmidtheim, ist Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam und Professor für Umwelt und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart. Renn studierte Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Sozialpsychologie und promovierte anschließend an der Universität Köln. Er arbeitete als Wissenschaftler und Hochschullehrer in Deutschland, den USA und der Schweiz.

Renn erhielt viele Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, den Ehrendoktor der ETH Zürich und die Ehrenprofessur der Technischen Universität München. Ortwin Renn forschte und publizierte vor allem zu den Themen Risiko, Nachhaltigkeit und Bürgerbeteiligung.