Ab jetzt tickt die Uhr gegen die Kohle. Aber tickt sie jetzt für die Lausitz? Als sich vor mehr als 150 Jahren die ersten Eisenbahnen auf den Weg von Berlin und Dresden nach Cottbus und Görlitz machten, war die Zukunft der Lausitz besiegelt. Industrialisierung und Tourismus drangen in den Alltag der dort lebenden Menschen.
Mehr als 200 000 von ihnen, sollen damals noch sorbisch/wendisch gesprochen haben. Dann kamen die Kohlegruben, die Kraftwerke, die Textilfabriken, die Glaswerke und mit ihnen Tausende Besucher und Zugezogene.

Mit der Wende gehen die Sorben und Wenden

Durch die Deindustrialisierung nach der Wende sind Textilfabriken, Glaswerke und viele andere wieder weg, und mit ihnen Zuzügler und Einheimische. Geblieben sind einige Gruben mit Kraftwerken, verlängerte Werkbänke, blieben veränderte Landschaften und dazwischen ein Rest sorbisch/wendischer Sprache und Kultur. Die übergroße Mehrheit der Gebliebenen spricht kein Sorbisch.
Aus der ehemals dominanten Sprache der Region ist eine Minderheit geworden. Zweisprachige Orts- und Straßenbeschilderungen prägen das Bild, sorbisch gesprochen wird wenig. Allenfalls das Bemühen ist zu spüren. Und dennoch ist gerade diese minimale Ausprägung von „Mehrsprachigkeit“ heute das wohl wichtigste Alleinstellungsmerkmal der Lausitz.
Und nun soll das „Endspiel um die Lausitz“ beginnen. Der Rest Kohle soll nun auch weg, das Klima ändert sich! Wissenschaftszentren, Wasserstofftechnologie, neue Teststrecken diesmal für Eisenbahnen und eine bessere Infrastruktur sollen sie ersetzen.

Traditionen und Sprache sind nicht käuflich

An Geld soll es hierfür nicht mangeln. Kann man damit aber eine Zukunft kaufen? Eine vergangene Muttersprache sicher nicht, auch nicht die Werte und Traditionen der Großeltern. Jede bislang von anderer Seite gemachte Zukunft der Lausitz hat besonders den Sorben von ihrer Substanz geraubt.
Unternehmen lassen sich sicher kaufen, aber bestimmt nicht, um von München nach Hoyerswerda zu ziehen. Nun kann es an unser aller Substanz gehen. Die politisch Verantwortlichen haben die Gefahr erkannt, wohl auch aus Erfahrungen.
Was sie nicht wissen, ist, welcher Weg aus der Gefahr führt. Sie haben nur Instrumente für uns zur Hand. Kaufen wir neue Werkbänke für die Fabriken aus dem Westen, wie seinerzeit, helfen wir uns selbst oder bauen wir Brücken nach Osten und Süden, zu Nachbarn, die das bis jetzt aber eigentlich noch nicht sind?
Können die Sorben Brückenbauer dahin sein? Der Koalitionsvertrag der drei Regierungsparteien in Sachsen erwartet das. Man will „… lebendige Beziehung zu unseren Nachbarn… “. Die traditionellen Beziehungen der Sorben zu ihren slawischen Nachbarn haben aber in den vergangenen Jahren auch gelitten.
Neben den klassischen Schul- und Vereinspartnerschaften, die noch heute durchaus üblich sind, braucht es einen massiven Austausch junger Generationen, Auszubildender und Studierender, wie er in vergangenen Jahrhunderten mit Prag, Breslau, Leipzig und Dresden durchaus schon üblich war.
Nun vielleicht auch nach Cottbus. Dies wäre dann auch eine solide Grundlage für eine deutlich verbesserte Zusammenarbeit in Wirtschaft und Wissenschaft, die weit über die Tragfähigkeit von Eigentum der Leag hinausgeht. Die wird ohne Kohle ja wohl auch gehen müssen.

Alleinstellungsmerkmal der Region

Unsere heranwachsenden Generationen, nicht nur die sorbische, auch die mehrheitlich deutsche und die unserer Nachbarn müssen in deutlich größerer Dimension miteinander kommunizieren. Weit über das Niveau von Einkaufsgesprächen hinaus.
Trinationale Plattformen in den digitalen Medien, nicht in Englisch, sondern gerade in den vier Muttersprachen können die Brücken bauen, die zu tatsächlichem Austausch von Interessen unter Nachbarn führen.
Hier könnten die Sorben mit ihrem immanenten Gefühl für Mehrsprachigkeit durchaus Vorreiter sein. Die Ausprägung von „Mehrsprachigkeit der Lausitz“ als Alleinstellungsmerkmal würde damit eine neue Dimension erlangen. Ein Stück selbst gemachter Zukunft.

Zur Person


Marko Suchy ist 1953 in Sollschwitz bei Wittichenau geboren. Er hat ein technisches Studium an der TU Dresden absolviert und war ab 1992 und bis 2015 Direktor der Stiftung für das sorbische Volk. Suchy ist CDU-Mitglied und Vorsitzender des Rates für sorbische Angelegenheiten im Freistaat Sachsen.