„Wir malen einfach ein Corona-Stopp-Schild. Dann bleibt das blöde Virus draußen, und wir dürfen endlich wieder rein“: Schade, dass nicht alle wunderbaren Ideen von Fünfjährigen den Realitäts-Check bestehen. Dann wären Kitas viele Grenzerfahrungen erspart geblieben.
Gleich zu Pandemiebeginn schockierte die Leopoldina-Empfehlung, Kitas erst im Herbst wieder zu öffnen viele Pädagog*innen. Nicht aus Angst um den eigenen Arbeitsplatz, sondern vielmehr aus Sorge um die Belange der Kinder, die immer noch nicht ausreichend berücksichtigt sind. Kinder haben das Recht auf kognitive und soziale Förderung. Dafür brauchen sie nicht nur ihre Eltern.
Die wochenlange Schließung von Kitas bedeutete für viele Kinder Isolation, zu viel Medienkonsum, zu wenig Entwicklungsimpulse und nicht selten den Wegfall regelmäßiger, gesunder Mahlzeiten. Auch viele Eltern waren durch die  Kitaschließungen am Ende ihrer Kräfte.
Das zum Teil erbitterte Ringen um Notbetreuungsplätze hat verdeutlicht, in welchem Maße Gesellschaft und Wirtschaft auf ein stabiles Kindertagesbetreuungsangebot angewiesen ist.

Rückkehr zu festen Bezugsgruppen

Trotz nicht einschätzbarer Gesundheitsrisiken haben die Pädagog*innen unserer 16 Lausitzer Kitas alles dafür getan, möglichst viele Kinder zu betreuen. In enger Kooperation mit den meisten Behörden haben wir oft über Nacht die organisatorischen wie auch die pädagogischen Konzepte den schnell wechselnden Eindämmungsverordnungen angepasst.
Dabei haben uns einige Regeln viel abverlangt. Konzeptionell mussten wir die Rolle rückwärts von der offenen pädagogischen Arbeit zurück in die Arbeit in festen Bezugsgruppen machen. Wir haben nicht selten mehr desinfiziert als gefördert.
Und wir mussten die Kitas entgegen unseres Leitprinzips der Erziehungspartnerschaft für Eltern abriegeln, „Kinder-Übergabe-Zonen“ einrichten und direkte Gespräche auf Abstand führen und auf ein Minimum reduzieren. In den Kitas haben wir versucht, Kindern Sicherheit und Normalität zu vermitteln und zugleich digitale Möglichkeiten zu entwickeln, um Kinder zu fördern, die unverändert zu Hause bleiben mussten.

Schlechter Personalschlüssel verstärkt Probleme

Obgleich keine unserer 330 Mitarbeiter*innen zu Hause geblieben ist und die Zugangsregelungen immer weiter gelockert wurden, konnten wir im Durchschnitt nur 50 Prozent der Kinder betreuen.
Grund waren nicht nur die Corona-Bestimmungen, sondern der im Bundesvergleich unverändert schlechte Personalbemessungsschlüssel. Zum Vergleich:  Ein Erzieher in Cottbus betreut durchschnittlich 6,4 Krippenkinder, sein Kollege in Darmstadt nur drei. Insgesamt haben unsere Fachkräfte in den Monaten des Lockdowns Außergewöhnliches geleistet. Dafür gab es jedoch kaum Anerkennung.
Im Gegenteil: Täglich prasselten mehr Unmutsäußerungen, Beschwerden und Anfeindungen von Eltern auf die Kitas ein. Eine sehr bittere Erfahrung. Auslösend waren Existenzängste der Eltern und der fatale Umstand, dass den Kindertagesstätten die Entscheidungsverantwortung für die Platzvergabe übertragen wurde.
Kita-Leitungen mussten plötzlich Schicksal spielen, einschätzen, wer systemrelevanter ist, und täglich Eltern mitteilen, dass immer noch kein Betreuungsplatz für ihr Kind frei ist. Diese unfreiwillige Aufgabe hat die wichtige Beziehung zwischen Eltern und Kitas in eine Schieflage gebracht, die schnell wieder gerichtet werden muss.

Kitagesetz benötigt Nachbesserung

Es ist wichtig im Sinne kommunaler Erziehungs- und Bildungspartnerschaften, wieder und weiter zusammenzuarbeiten, um allen Kindern ein gutes Aufwachsen in unserer Region zu ermöglichen.
Und alle Eltern sind aufgerufen, sich gemeinsam mit uns für eine schnelle Verbesserung des brandenburgischen Kitagesetzes einzusetzen, um das Recht unserer Kinder auf gute Bildung und Betreuung – mit und ohne Corona – zu sichern! Notwendig sind vor allem mehr gut qualifizierte Fachkräfte, die Finanzierung des Personals auch in den langen Betreuungszeiten sowie ein landesweit einheitlicher Qualitätsrahmen.

Zur Person


Annett Bauer, geboren 1976, ist DiplomSozialpädagogin und -Sozialarbeiterin und seit Dezember 2019 Geschäftsleiterin der Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH Lausitz, die Träger von 16 Kindergärten in Cottbus und Senftenberg ist.

Bereits vorher hat sich Annett Bauer im Kompetenzzentrum für Kinder- und Jugendbeteiligung sowie als Referentin für Kinder- und Jugendhilfe sowie Kindertagesbetreuung des Paritätischen Landesverbandes für die Rechte von Kindern und die Verbesserung der Teilhabe-Chancen von Kindern und Jugendlichen in Brandenburg eingesetzt.