Jetzt sind sie raus – die Briten. Das stolze Inselvolk, das sich mit dem EU-Einheitsbrei nicht mehr identifizieren und sich nichts mehr von Brüssel diktieren lassen mag, will wieder seinen eigenen Weg gehen. Zugegeben, beim Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 stimmten nur wenig mehr als 50 Prozent für den Austritt. Doch „Drin heißt drin und raus heißt raus", wie der damalige Bundesfinanzminister kurz nach dem Votum der Briten konstatierte. Mit gerade einmal vier Prozent Vorsprung hatten die damaligen Brexit-Befürworter die Weichen für den Austritt gestellt, der am 31. Januar 2020 Wirklichkeit wurde. Was jetzt kommen mag und wie die künftigen Beziehungen zwischen den EU-Ländern und dem Vereinigten Königreich aussehen sollen, weiß so richtig noch keiner. Und innerhalb von weniger als elf Monaten ein Handelsabkommen mit den Briten auszuhandeln, ist mehr als ambitioniert.

Seit dem Brexit-Referendum wurde viel darüber spekuliert, warum alles so kommen konnte. Mit Europa hatte das stolze Volk schon immer so seine Probleme. Während 1957 Frankreich, Italien, die Bundesrepublik Deutschland, Belgien, Niederlande und Luxemburg die Römischen Verträge unterschrieben und damit den Grundstein für die Europäische Wirtschaftsregion und die spätere EU legten, zauderten die Briten. Daran war Charles de Gaulle, damaliger französischer Regierungschef, nicht unschuldig. Zu schwer war das politische und wirtschaftliche Gewicht der Briten, zu anders ihre außenpolitischen Ansichten. Erst 1973 erfolgte der EWG-Beitritt der Briten.

Vorzüge der EU sind für uns selbstverständlich

Ich selbst bezeichne mich als Fan der Europäischen Union, auch wenn Brüssel im Bestreben, die Union weiter zu vereinen, dem Regulierungswahn zu unterliegen scheint. Ich finde es gut, dass Menschen sich in Europa frei bewegen können. Wahrscheinlich haben wir uns alle so an die Vorzüge der Union gewöhnt, das wir uns der Nachteile eines zersplitterten Europas gar nicht mehr bewusst sind. Dazu gehören auch die wirtschaftlichen Vorteile. Ich erinnere mich gut daran, in meinem ehemaligen Betrieb „just in time“ liefern zu müssen. Der Plan ging ohne Zwischenlager nicht auf, weil die LKW stundenlang an der slowakischen Grenze standen und die Grenzwartezeiten nicht kalkulierbar waren. Kein Unternehmen der EU-Mitgliedsstaaten muss wegen jeder ihrer Warenlieferungen nach Österreich oder Polen eine Ausfuhranmeldung vornehmen. Der Warenverkehr innerhalb der EU ist zollfrei. Die EU steht für freien und offenen Welthandel und verhandelt hierfür für alle EU-Mitglieder Freihandelsabkommen. Auch diese stehen von Protektionisten und „Weltuntergangsheraufbeschwörern“ in der Kritik. Doch es sind vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, die vom Abbau von Zöllen und vielen anderen Handelsbarrieren am meisten profitieren.

Silke Schwabe ist Leiterin des Geschäftsbereich International der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus.
Silke Schwabe ist Leiterin des Geschäftsbereich International der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus.
© Foto: Christina Gaudlitz

Letztendlich steht die EU auch für innere Sicherheit und Frieden. Wie wertvoll dieses Gut ist, daran erinnern sich vielleicht noch unsere Großeltern. Die neuen Generationen sind aufgewachsen in einer Welt ohne Krieg, Hunger oder Verfolgung. Wir müssen uns nicht darüber Gedanken machen, von Frankreich angegriffen zu werden, weil historisch gesehen vielleicht doch noch irgendwo eine offene Rechnung schlummert. Und die Polen werden nicht erwarten, dass wir unsere ehemaligen deutschen Gebiete hinter der Oder-Neiße-Grenze irgendwann zurückfordern.

Was wäre, wenn es die EU nicht mehr gäbe?

Was fehlt ist Aufklärung an Schulen, in den Medien, den sozialen Netzwerken zu den Vorzügen und Vorteilen, die die EU mit sich bringt. Aufklärung zu Szenarien, was wäre, wenn es die EU nicht mehr gäbe? Die EU schafft viel Gutes, aber Aufklären kann sie irgendwie nicht. Stattdessen „klären“ andere auf. Mit Folgen. Wie im Vereinigten Königreich, in Ungarn, in Polen oder auch an den deutschen Wahlergebnissen bei den Kommunal- und Landtagswahlen 2019 zu sehen.

Und wie geht es weiter? Bis Ende dieses Jahres, in der Übergangszeit, bleibt noch alles beim Alten. Noch hat sich die gegenwärtige Situation im Warenhandel zwischen Brandenburg und dem Vereinigten Königreich nicht nachteilig auf die Handelsumsätze ausgewirkt. Noch gehört Großbritannien zu den Top 10 der Exportmärkte der Brandenburger Wirtschaft. Die Brandenburger Ausfuhren auf die Insel sind 2018 im Vergleich zu 2017 sogar um knapp fünf Prozent gestiegen. Noch halten circa 300 Brandenburger Unternehmen mit einem Exportvolumen von fast 470 Millionen Euro (2018) Geschäftsbeziehungen zu britischen Firmen. Noch.

Ogrosen

Zur Person


Silke Schwabe ist seit 1. Februar 2020 Kompetenzfeld-Managerin „Unternehmen begleiten“ der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus und war zuvor Leiterin des Geschäftsbereichs International.

Nach dem Besuch der Erweiterten Oberschule in Cottbus und einem Studium der Betriebswirtschaftslehre von 1989 bis 1994 an der Universität Otto von Guericke in Magdeburg arbeitete Silke Schwabe als Verkaufsleiterin für den Bereich Porenbeton der AHG Außenhandelsgesellschaft Cottbus und im Bereich Marketing und Sales des einstigen Fernsehglasproduzenten Samsung Corning Deutschland GmbH in Tschernitz. Seit 2006 ist Silke Schwabe in verschiedenen Positionen für die IHK tätig, unter anderem als Referentin für IT, Medien, Innovation, Technologie, wobei sie IHK-Mitgliedsunternehmen in diesen Bereichen beraten hat.