1979 wurde ich in Guben geboren, wohnte allerdings in den ersten Jahren mit meinen Eltern in Cottbus. Die Ferien verbrachte ich jedoch stets bei meinen Gubener Großeltern.

Immer, wenn ich mit meinem Großvater in der Stadt unterwegs war, mussten wir spätestens an der Neiße kehrtmachen, obwohl die Welt auf der Gubiner Seite bekanntermaßen nicht endete. Für mich fühlte es sich damals aber zumindest so an.

Später als Azubi und Student reiste ich oft und lernte viele interessante Menschen aus anderen – zumeist europäischen – Ländern kennen. Ich begann Polnisch zu lernen, zuerst nur, um ein paar Höflichkeitsfloskeln zu beherrschen, später um mich aktiv mit den Menschen auszutauschen.

Im Laufe der Zeit merkte ich, dass uns – Polen und Deutsche – viel mehr verbindet als trennt. Ein Umstand, der gleichsam auf unsere anderen Nachbarländer zutrifft und somit ein großes Potenzial darstellt, um sich – in dieser manchmal so unübersichtlich anmutenden Welt – zurechtzufinden.

Europa im Großen

Nach den schlimmen Erfahrungen zweier Weltkriege war das vermutlich die eigentliche Triebfeder zur Gründung der Europäischen Union (EU), nämlich nach jahrhundertelanger Konfrontation endlich auf Kooperation zu setzen, um gemeinsam mehr zu erreichen, oder, wie es Bundeskanzler Konrad Adenauer schon in den 50er-Jahren ausdrückte: „Die Einheit Europas war ein Traum von Wenigen. Sie wurde eine Hoffnung für Viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für uns alle.“

 Nachdem die Anfangszeit der EU vor allem von wirtschaftlicher Zusammenarbeit geprägt war, das Stichwort Montanunion sei hier genannt, wurden in den folgenden Jahrzehnten auch viele Errungenschaften eingeführt, die der Freizügigkeit der Menschen dienen.

So war ich wirklich überrascht, als ich erfuhr, dass Polen seit Jahren zu den beliebtesten Auswanderungsländern der Deutschen zählt. In umgekehrter Richtung funktioniert diese Entwicklung ebenfalls gut. So erhöhte sich zwischen 2013 und 2019 in Guben die Zahl der gemeldeten polnischen Bürger von 329 auf 926 Personen.

Europa im Kleinen

Viele positive Veränderungen haben Deutsche und Polen entlang der Neiße seit den 90er-Jahren – auch dank finanzieller Unterstützung der EU – erreicht.

So erhielt der Geopark Muskauer Faltenbogen einen Unesco-Titel, die gemeinsame Stadtentwicklung von Guben und Gubin schreitet stetig voran, deutsche wie polnische Parkanlagen agieren vertrauensvoll unter dem Dach des „Europäischen Parkverbunds Lausitz“ und Zehntausende Bürger konnten sich über den Kleinprojektefonds kennenlernen, sodass bestehende Vorurteile abgebaut wurden.

All diese positiven Entwicklungen gingen und gehen leider mit bürokratischen Hürden einher. Will ich ein größeres, grenzüberschreitendes Vorhaben realisieren, dann bin ich nicht nur mit deutschem und polnischem Recht konfrontiert, sondern muss zudem viele europäische Vorgaben beachten und mich mit unterschiedlichen Prüf­instanzen auseinandersetzen.

Das ist mühsam und sorgt mitunter dafür, dass sich die Begeisterung für Europa „in Grenzen hält“.

Mehr Vorteile als Nachteile

Die Vorteile überwiegen jedoch. bei Weitem. Gerade in unserer peripher gelegenen (Grenz-)Region ist es wichtig, dass wir den Wirkungskreis von 180 auf 360 Grad Grad erweitern, um für die Zukunft gewappnet zu sein.

Deshalb gilt es, die Entscheider in Brüssel, Berlin und Warschau dahingehend zu bestärken, den neuen Ansatz der EU-Kommission für „ein bürgernäheres Europa“ bestmöglich und flächendeckend umzusetzen.

Die europäische Integration – im Großen wie im Kleinen – kann ferner nur dann erfolgreich sein, wenn sie themenübergreifend erfolgt.

In unserem regionalen Kontext bedeutet das zum Beispiel, dass neben der Unterstützung der wissenschaftlichen Kooperation zwischen der BTU Cottbus-Senftenberg und der Universität Zielona Góra, auch Mittel für die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden zur Verfügung stehen, so wie das bei der Schaffung des Gemeinsamen Polizeiteams Guben-Gubin gelungen ist.

Mein 2018 verstorbener Großvater geriet Anfang 1945 auf dem Gebiet der heutigen Wojewodschaft Lubuskie in sowjetische Gefangenschaft. Als wir knapp 70 Jahre Jahre später zusammen mit meiner polnischen Ehefrau durch Zielona Góra spazierten, sagte er, dass er nicht im Traum damit gerechnet hätte, dass sich das Miteinander zwischen den europäischen Ländern und Bürgern so positiv entwickeln kann.

Ich kann ihm nur recht geben. Auch hier vor Ort lohnt es sich allemal, trotz des oftmals notwendigen „langen Atems“, Probleme gemeinsam mit den polnischen Nachbarn zu lösen.

Zur Person


Carsten Jacob (40) ist in Guben geboren seit Januar 2016 Geschäftsführer der Euroregion Spree-Neiße-Bober e.V. Er studierte Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und absolvierte eine Ausbildung als Werbekaufmann.

Zwischen 2009 und 2015 arbeitete er für die Investitionsbank des Landes Brandenburg in Zielona Góra, wo er mit der Begleitung des EU-Kooperationsprogramms INTERREG IV A befasst war.

An der polnischen Lebensart gefällt Carsten Jacob vor allem die Spontanität und Kreativität bei der Lösung von auftretenden Problemen getreu dem Motto:

Geht nicht? Gibt's nicht!