„Es ist nicht deine persönliche Entscheidung. Es ist der einzige Weg, dein Leben ethisch zu führen“, erklärt eine junge Veganerin im Internet. Und meint damit, dass nur eine veganes Leben, also der völlige Verzicht auf tierische Produkte – Fleisch, Milch, Eier, Honig – verantwortungsvoll sei. „Mir tut es nicht gut, mit Fleischessern am selben Tisch zu speisen“, erklärt ein anderer in einem Esoterik-Magazin, „ich kann mit fleischfressenden Menschen einfach nichts mehr anfangen.“ Wer falsch isst, dem kündige ich die Tischgemeinschaft.
Extremfälle, gewiss. Aber auch ein Hinweis darauf, dass sich etwas in unserer Gesellschaft verändert. Zum einen entwickelt sich das Essen in den letzten Jahren zum Kampffeld der Weltanschauungen. Zum anderen kommt uns allgemein zunehmend die Fähigkeit zum Miteinander der Verschiedenen abhanden. Das Essen wird zu einem jener vielen Bereiche, in denen sich das Richtige vom Falschen, das Gute vom Bösen unterscheiden soll. Manchmal werden normale Fleischesser gar zu „Tiermördern“ erklärt, die vom „Massenmord“ im „Hühner-KZ“ leben.
Dabei ist Veganismus nur ein besonders markantes Beispiel, die Zahl der Essenslehren groß. Das Phänomen tritt insbesondere in Krisenzeiten auf. Anfang des 20. Jahrhunderts zogen die sogenannten „Kohlrabi-Apostel“ durchs Land. Heute haben Regio-Food, Fair Trade, Low Carb usw. ihre Anhänger. „Bio“ ist längst Mainstream. Aus den 1970ern stammt die „Slow Food“ Bewegung, die als Protest gegen den ersten McDonalds in Italien begann. Ziel war der Schutz der traditionellen italienischen Küche und Lebensart.
Einst fragte die Mutter liebevoll: „Schmeckt’s?“, und „Bist du auch satt geworden?“ Vorlieben waren Geschmacksfrage. Heute wird Essen in den beiden Leitwährungen Gesundheit und Ethik gemessen.
Traditionell gibt es keine Religion und keine Kultur ohne Speisegebote, ausgesprochene und unausgesprochene. Alle Kulturen regeln Sexualität und Nahrung, das macht sie unverwechselbar. Manche Religionen verbieten Rindfleisch, andere Alkohol. In manchen Kulturen essen Frauen und Männer getrennt, in anderen Gäste und Gastgeber. Dabei geht es immer darum, Identität und Zusammenhalt nach innen zu stärken und sich nach außen zu unterscheiden. Zum Beispiel für die Tradition gegen Fastfood. Zu meiner Gemeinschaft gehören die, mit denen ich essen kann, ohne jedes Mal zu klären, was essbar ist und was sich gehört.
Doch was früher im Dienst religiöser Identität stand, wird heute bisweilen selbst zur Religion und spaltet bestehende Gemeinschaften. Veganer haben unter dem Slogan „Ich küsse keinen Fleischesser“ Internet-Partnerbörsen geschaffen. Nur innerhalb der eigenen Gruppe Partnerschaften einzugehen, ist eigentlich ein Kernmerkmal von Religionen.
Dabei sind die Versprechen oft mehr als zweifelhaft. Wir leben mit den oft verteufelten industriellen Lebensmitteln heute länger und gesünder als je zuvor. Viele Essenslehren schüren unnötige Gesundheitsängste. Dagegen ist zu sagen: Zucker ist kein Gift und keine Droge, Kohlenhydrate ungefährlich und auch Fett ist kein Killer. Vielmehr gilt, was schon unsere Großeltern wussten: nur Übermaß ist ein Problem, Abwechslung und Vielfalt sind völlig ausreichende Maximen für eine gesunde Ernährung. Alles andere ist Dogmatismus.
Noch gravierender ist, dass die Entwicklung zu starren individuellen Essenslehren es immer schwerer macht, Mahlgemeinschaft zu erfahren. Der eine ordnet die Gesundheit an erste Stelle, die andere den gerechten Handel, der dritte gar die Klimarettung – ein gemeinsamer Nenner ist kaum zu finden. Aber eine Gesellschaft, in der jeder mit dem Essen seine eigene kleine Heilslehre vertritt, zerfällt in lauter Essens-Sekten, die alle unter sich bleiben.
Wir brauchen Gelassenheit statt Gesundheitswahn und Verantwortungsbewusstsein statt Moralismus. Die Bibel sagt es prägnant: Ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes (Prediger Salomo 3,13).
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Zur Person


Kai M. Funkschmidt ist seit 2011 wissenschaftlicher Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) unter anderen mit den Arbeitsschwerpunkten Ernährung, islamischer Antisemitismus oder Verschwörungstheorien. Funkschmidt ist aufgewachsen in Bonn und Paris und hat Theologie in Göttingen, St. Andrews, Hamburg sowie Indologie in Bonn studiert.

Ab 1994 war er Assistent am Lehrstuhl für Ökumene-, Missions- und Religionswissenschaft der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, wo er über Partnerschaftsstrukturen in den Beziehungen zwischen Kirchen der Dritten Welt und Europa promovierte. Kai Funkschmidt war auch als Referent der Kindernothilfe und Beauftragter für Ökumenisches Lernen im Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau tätig.

Die EZW verfolgt religiöse und weltanschauliche Strömungen der Zeit und fördert die Klärung theoretischer und praktischer Fragen.