Von wegen Besinnlichkeit. Nach dem Wirbel kurz vor Weihnachten war wohl vielen Energiefans über die Feiertage nicht klar, ob das flaue Gefühl im Magen von der fetten Gans, zu viel Silvesterschnaps oder doch der Sorge um den FCE kommt. Trainer weg, Präsident weg, die nach der Tabellenführung frisch geweckte Zuversicht irgendwie auch. Aber, und da stimmt der Kalenderspruch: Jedes Ende ist ein neuer Anfang.

Klar, Pele Wollitz war eine Marke. Mit Kappe, Bart, Brille und gelegentlichen Eruptionen ging er fast als Viertliga-Klopp durch. Durch ihn wurde selbst ein Regionalligist ab und an überregional wahrgenommen. Wollitz hat es auch zwei Mal geschafft, aus dem Nichts eine aufstiegstaugliche Mannschaft zusammenzustellen.

Neustarts liegen Wollitz

Er hatte dafür zwar auch Mittel, von denen die meisten anderen Regionalligisten nur träumen können, aber Selbstläufer sind solche Neustarts nicht. Das lag Wollitz. Anderes eher nicht, entscheidende Spiele um den Klassenerhalt gewinnen zum Beispiel. Und wie authentisch seine Liebesschwüre der Lausitz gegenüber waren, darüber kann man nach seiner irritierend schnellen Unterschrift in Magdeburg zumindest streiten.

Nun bekommen die zwei Sebastians ihre Chance. Abt als Trainer, König als Sportdirektor. Mutige Entscheidungen, aber auch welche, die zeigen: Wir trauen unseren Leuten. Abt ist seit seinem sechsten Lebensjahr im Verein, wie König steht er für die bewundernswerte Nachwuchsarbeit, die der Verein auch als Regionalligist leistet.

Auf jeden Fall sind nun die sportlichen Kompetenzen endlich auf zwei Paar Schultern verteilt, wie es sich für einen Proficlub gehört.

Genauso wichtig wie die sportliche Ebene sind andere Fragen: Was, wenn der Aufstieg 2020 verpasst wird? Wie kann unter den gegebenen Bedingungen in Cottbus noch Profifußball gespielt werden? Oder noch größer: Wo will der Verein hin? Welche Vision hat er? Das kann man alles als Blabla abtun. Aber es ist wichtig. Nicht nur, um selbst zu wissen, wo man hinwill, sondern auch um Fans, Sponsoren und Spielern zu zeigen: Es lohnt sich, dabei zu sein!

Eine Vision fehlt

Von einer solchen Vision aber ist bislang kaum etwas zu sehen. Der alte Präsident Werner Fahle schien eher aus dem Gartenstuhl zu präsidieren. Sein Nachfolger Matthias Auth wirkt da schon etwas aufgeweckter.

Ihm jedenfalls ist zuzutrauen, dass er bei der Frage, inwieweit sich die Stadt Cottbus am Unterhalt des Stadions der Freundschaft beteiligt, mehr Erfolg haben wird. Er könnte die Stadtvertreter fragen, welch andere Cottbuser Institution im vergangenen Jahr alle zwei Wochen mindestens 5000 und zweimal sogar 20000 Leute versammeln konnte, obwohl es gegen den BVB um gar nichts ging.

In den guten Zeiten hat sich die Stadt darüber gefreut, dass plötzlich auch ganz Castrop-Rauxel wusste, wo Cottbus liegt. Nun lässt sie ihn allein. Wenn die Stadionfrage nicht geklärt ist, so viel ist sicher, wird Energie immer nur vor sich hinwurschteln können.

FC Energie sollte größer denken

Aber der Verein sollte noch größer denken. Die Region steht vor einem Strukturwandel. Bei allem Verständnis für jeden, der sich übergangen fühlt und verletzt in seinem Arbeiterstolz, schließlich haben wir uns jahrzehntelang dafür schmutzig gemacht, dass andere es mollig warm haben, steht fest: Kohle ist Vergangenheit. Nun gilt es, damit umzugehen.

„Ohne Kohle keine Energie“ ist deshalb zumindest physikalisch falsch. Wind, Sonne und Wasserstoff liefern auch Energie. Und so wie die Lausitz versuchen sollte, zur Vorreiterregion für neue Energien zu werden, so sehr sollte auch der FCE nach vorne blicken. Welch anderer Club trägt eine physikalische Größe, ja sogar einen ganzen Wirtschaftszweig im Vereinsnamen?

Warum also nicht mal bei Elon Musk anklopfen, über dessen Elektroautos die ganze Welt redet und die bald auch aus Brandenburg kommen? Tesla auf dem Trikot. Das wäre eine ganz besondere Energiewende. Eine, die auch die Energiefans überzeugen könnte.

Christian Spiller ist Journalist und Autor des Buches „111 Gründe, Energie Cottbus zu lieben“.
© Foto: Georg Zielonkowski

Zur Person


Christian Spiller ist 1982 in Cottbus geboren und auch hier aufgewachsen. Schon als Kind saß er im Stadion von Energie Cottbus und erlebte als 14-Jähriger den Aufstieg des FC Energie in die zweite Bundesliga mit.

Nach dem Abitur und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt am Main besuchte er die Deutsche Journalistenschule in München. Seit 2010 ist er Redakteur bei ZEIT ONLINE, seit 2014 leitet er das Sportressort.

Spiller ist Autor des Buches „111 Gründe, Energie Cottbus zu lieben“.