Wir leben in einer visuellen Welt. Selbst Menschen, die „nur“ schlecht sehen, haben viele Alltagsprobleme: Zu kleine Preise beim Einkaufen, wodurch ein Preisvergleich nahezu unmöglich ist, zu kleine und zu hoch angebrachte Schrifttafeln, Schrift, die nicht blendfrei ist.
Und es geht weiter: Vor einer Informationstafel stehen Bänke oder Papierkörbe, der Kontrast zwischen Schrift und Untergrund – etwa Rot auf Blau – ist schlecht, und in Flugzeugen, Straßenbahnen oder in Bussen werden Informationen auf flimmernden Bildschirmen angezeigt. Wer schlecht sieht, muss sich anstrengen, um irgendetwas lesen zu können, was da steht.
Gemäß der Weltgesundheitsorganisation ist man sehbehindert, wenn das Sehvermögen trotz Korrektur ein Drittel und weniger beträgt. Als blind gelten Menschen mit einem Sehrest von einem Fünfzigstel und weniger. In Brandenburg leben etwa 6000 Blinde und schätzungsweise 20 000 sehbehinderte Menschen. Letztere Zahl wird nicht statistisch erfasst.

Corona macht es Sehbehinderten zusätzlich schwer

Die Corona-Pandemie erschwert das Leben sehbehinderter Menschen zusätzlich. Eine aktuelle Umfrage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes macht das Dilemma deutlich. Sehbehinderte und blinde Menschen können sich in den „Corona-Schlangen“ überhaupt nicht orientieren. Und wie sollen blinde Menschen den vorgegebenen Abstand einhalten?
Die Fußbodenmarkierungen in Supermärkten sind für Sehbehinderte oft viel zu kontrastarm und nicht erkennbar, die Hinweisschilder vor und in Geschäften zu Corona-Verhaltensregeln absolut unleserlich.
Verschärft wird das alles dadurch, dass im öffentlichen Raum seit Beginn der Kontaktbeschränkungen mehr geschwiegen wird als vorher. Doch die Abstandsregeln machen es für sehbehinderte und blinde Menschen umso erforderlicher, dass man mit ihnen spricht.

Erst eigene Betroffenheit sorgt für Interesse

Doch nachlassendes Sehen berührt die Menschen erst dann, wenn sie selbst davon betroffen sind. Trotz wissenschaftlicher Forschung und modernster Technik lassen sich nicht alle Augenschäden reparieren. Deshalb wollen sehbehinderte Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe an der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung.
Der Tag der Sehbehinderten am 6. Juni bietet Betroffenen und Interessenvertretern die Chance, auf einige Probleme und Bedürfnisse aufmerksam zu machen, besonders auch Parteien und Politiker.
Trotz vieler Versprechen werden behinderte Menschen oft genug vergessen. Sie werden nicht gefragt, oder sollen so kurzfristig Stellung nehmen, was im Rahmen der oft ehrenamtlichen Arbeit meist unmöglich ist. Nichts über uns ohne uns. Das wird leider noch zu oft vergessen, wenn neue Gesetze beraten werden.

Verpflichtung zu Barrierefreiheit

Brandenburgs Landesregierung wäre etwa gut beraten, das Landespflegegeldgesetz, das aus dem Jahr 1993 stammt, zu überarbeiten. Bisher gab es immerhin drei Kürzungen, aber nur 2017 und 2018 eine Erweiterung. Von Anpassung und Dynamisierung ist nichts zu lesen.
Im Landesbehindertengleichstellungsgesetz kommt das Wort „blind“ nur einmal vor. Von Taubblinden oder sehbehinderten Menschen ist keine Rede. In sechs Bundesländern erhalten sehbehinderte Menschen mit einer Sehstärke von weniger als 1/20 ein kleines Blindengeld. Im Land Brandenburg ist nicht daran zu denken.
Der Landesregierung ist zu empfehlen, sich im sozialen Bereich mehr an Berlin zu orientieren. Warum geht dort, was in Brandenburg bisher unmöglich ist?
Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen verpflichtet alle Staaten zur Barrierefreiheit. Das gilt sowohl für das Internet als auch für öffentliche Gebäuden und im Verkehrsraum. Formulare, die zu klein und im unverständlichen Beamtendeutsch geschrieben sind, sollte es im Interesse der Inklusion nicht mehr geben.
Und dass jemand zu alt ist, um eine teure Brille zu bekommen, wollen wir auch nicht hören. Die Wunschliste sehbehinderter Menschen ist viel länger, als hier dargestellt.
Seit Kurzem haben die Haltestellen von Cottbus Verkehr neue Abfahrtstafeln. Die sind für sehbehinderte Menschen sehr gut lesbar. Wenn diese jetzt noch ansagen könnten, wohin die einfahrenden Straßenbahnen fahren, wäre das ein Beweis, wie Inklusion praktisch gelebt, verstanden und verwirklicht werden kann.

Zur Person


Joachim Haar, Jahrgang 1945, ist ausgebildeter Masseur und Staatswissenschaftler und seit 1972 Mitarbeiter des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Brandenburg und selbst blind.

Seit 2018 ist er Leiter der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) mit dem Zusatz „Sehen“ in Brandenburg/Havel und in Cottbus. Die EUTB hilft unter anderem bei Fragen zu Assistenz- oder Hilfsmitteln.