Bei der Fahrt durch die Lausitz ging der Blick unwillkürlich an den Himmel. Hunderte Vögel sammelten sich zum Herbstflug in die Winterquartiere. Wie ein Schleier bewegte sich die graue Wolke aus Vögeln und wischte über die Landschaft.
Plötzlich wechselt die Wolke ihre räumliche Struktur, um dann für einen Moment zu verharren, ehe Vögel auf der anderen Seite die Führung übernehmen und den Schwarm in eine neue Richtung bringen. Die, die eben vorne waren, geraten ans Ende, und die sich abgehängt wähnen, bekommen neuen Schwung auf ein Ziel hin, dass sich wohl jetzt zu verfolgen lohnt.

Aufbruch in ungewisse Zukunft

Diese Szene ist typisch für dieses Jahr. Es ist Aufbruchsstimmung in eine Zukunft, die sich ankündigt, aber wenig eindeutig ist. Soll man sich freuen oder fürchten?
In jedem Fall wächst die Not, nicht einfach in der kleinen Vogelfamilie auf dem Baum zu bleiben, sich seiner selbst zu freuen und die Früchte zu genießen. Eine Pandemie, die uns härter anfasst, als erwartet und die viele Fragen dringlicher stellt.
Wir kannten sie, mussten ihnen aber bisher nicht so viel Gewicht geben: Wie ist das mit der weltweiten Vernetzung im Handel und durch die Computerwelt? Wie ist das mit der Umweltzerstörung, die inzwischen unausweichliche Auswirkungen hat? Was bedeuten die Überschwemmungen und Stürme, die Waldbrände und das Holz, das noch kerzengerade, aber mausetot in unseren Forsten steht?
Und die Antworten darauf sind alarmistisch auf der einen Seite, und verharmlosend auf der anderen. Demokratie schien alternativlos, als sei es nur eine Frage der Zeit, bis alle begriffen, dass das sie die beste der schlechten Regierungsformen ist. Doch plötzlich finden sich Anhänger von Systemen, die nationale Alleinherrscher anhimmeln und sich Rettung für das eigene Volk gegen die anderen Völker erwarten.

Fast jedes Thema polarisiert

Fast jedes politische und gesellschaftliche Thema führt zur Polarisierung, am Küchentisch genauso wie im Betrieb. Man nenne nur Stichworte: Impfung, Kohleausstieg, Gendersternchen, Massentierhaltung, Mietpreisdeckel. Jedes Mal ist es so, als halte jemand einen Magneten in die Menge. Demonstrieren ist so beliebt geworden, dass manche sich in merkwürdigen Koalitionen wiederfinden, die sie so eigentlich gar nicht wollten.
Aufgescheucht wie Vögel. Wabernd noch, wohin es geht. Ob wir bei allem Hin und Her zusammenbleiben, in unserem Land und weltweit? So wie die Vögel am Himmel?
Fast alles kann zur Botschaft werden. Sogar die Schwärme der Vögel. In einem Wort der Bibel heißt es: Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen, und kommst daher auf den Fittichen des Windes, der du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern. (Ps. 104, 3f)
Es ist Weihnachten. Wir umgeben uns mit Engeln. Wenn die Natur draußen sparsam wird, füllen wir die warmen Stuben mit den geflügelten Wesen, die von höchster Stelle kommen. Gute Botschafter; Beschützer, die die Begleitmusik machen für den himmlischen Zuspruch: Du bist geliebt. Gott kommt zur Welt auch für dich.

Gott führt uns zu einem Ziel

Selbst Menschen, die kein vollmundiges Bekenntnis zu einem Gott sprechen können, lassen es sich gefallen, dass auf Sims oder Schreibtisch Engelfiguren platziert werden. Der Engel auf dem Klavier steht das ganze Jahr. Aus Ton getöpfert von meiner Tochter, als sie noch klein war. Jetzt ein Botschafter, der mich grüßt von meinen Kindern, auch wenn die inzwischen weit weg ihre eigenen Wege gehen.
Gottes Botschaften verkünden Geheimnisse, die sich noch nicht erschlossen haben. Welche unsichtbare Hand führt den Vogelzug? Was ist die Schwarmintelligenz wirklich? Wissenschaftler mögen lächeln über mein naives Vertrauen darauf, dass Gott alles zu einem Ziel führt. Wie sich Gut und Böse in diese wunderbare Führung einbetten, verstehe ich nicht; jetzt jedenfalls noch nicht. Weihnachten ist die Bestätigung dafür, dass Gott Gutes im Sinn hat mit seiner Schöpfung.

Zur Person

Pfarrer Holger Treutmann ist 1963 in Springe (Niedersachsen) geboren. Seit 2016 ist er Rundfunkpfarrer und Senderbeauftragter der Evangelischen Landeskirchen beim MDR. Von 2006 bis 2016 war er als Pfarrer an der Frauenkirche Dresden tätig. Zwischen 1995 und 2006 arbeitete er als Pfarrer in Dorf- und Stadtgemeinden im Kirchenbezirk Chemnitz.