Ohne Frage: Am Kohlethema spaltet sich unsere Region, wenn es um Ende Gelände geht sind die Diskussionen und Anfeindungen besonders heftig. Ein sachlicher Diskurs ist dringend notwendig.

Man muss sich doch fragen, warum Ende Gelände Blockaden von einem der größten Produzenten von CO2 Europas plant? Weil es so nicht weitergehen kann! Massive Ernteausfälle der Lausitzer Bauern, Flutung des Ostsees gestoppt, Schwarze Elster ausgetrocknet? Wir erleben gerade die letzten Jahre, in denen wir die Folgen des Klimawandels noch abmildern können.

„Klimaterroristen“ – von Verbalattacken entsetzt

Mich schockiert, mit welcher verbalen Gewalt über die Menschen hinter Ende Gelände gesprochen wird. Als „Klimaterroristen“, „Rechtsbrecher“ und „Krawall-Touristen“ werden jene beschimpft, die heute Kohleinfrastruktur blockieren.

Dabei wird die Gewalt teilweise erst herbeigeredet. So hing beim letzten Heimspiel von Energie Cottbus ein Banner am Zaun, auf dem „Ende Gelände zerschlagen“ stand. Die LEAG-Spitze spricht von möglichen „spontanen Wutausbrüchen der Mitarbeiter“. Ende Gelände will keine Gewalt, die nur von der inhaltlichen Botschaft ablenken würde. Nur diejenigen, die an der Kohleverstromung festhalten wollen, haben ein Interesse daran den Protest zu delegitimieren.

Vereinbarung über besonnenes Verhalten

Ich selbst habe 2016 an den Protesten von Ende Gelände teilgenommen und dabei viel über die Vielfalt von Aktionen wie Ende Gelände gelernt. Es gibt gemeinsame Vereinbarungen. Darin steht, dass ruhig und besonnen vorgegangen wird und auch, dass sich die Aktionen nicht gegen die Beschäftigten der LEAG, der von ihr beauftragten Firmen oder der Polizei richten.

Ricarda Budke
Ricarda Budke
© Foto: BTU Cottbus

Und so, wie ich die Erfahrung gemacht habe, meinen das die Aktivistinnen und Aktivisten sehr ernst. Ihnen geht es um den Klimawandel und Braunkohle ist nun mal der CO2-intensivste Energieträger überhaupt!

Wenn jetzt von 2016 gesprochen wird, haben die meisten Menschen sofort die Bilder von der Durchbrechung des Zauns am Kraftwerk Schwarze Pumpe im Kopf. Persönlich lehnte ich diesen (ungeplanten) Teil der Aktion ab, ich hätte mich selbst auch nicht beteiligt. Zurecht machen die Bilder Zuschauerinnen sowie den Mitarbeitern der LEAG Angst.

Was aber auch hier fairerweise nicht vergessen werden darf: Ende Gelände Aktivistinnen und Aktivisten wurden 2016 von Rechtsextremen angegriffen und ein Überfall auf das Protestcamp konnte nur durch die Polizei verhindert werden.

Ende Gelände interessiert an Diskussionen

Dass Ende Gelände immer wieder fehlende Diskussionsbereitschaft vorgeworfen wird, kann ich nicht nachvollziehen. Weshalb sonst hat das Aktionsbündnis vor knapp zwei Wochen zu einer Diskussionsveranstaltung in Cottbus eingeladen.

Spannend an dieser Veranstaltung war, dass nach dem erhitzten offiziellen Teil der Abend in vielen Zwiegesprächen ausklang. Kohle-Gegner fachsimpelten bei einem Bier mit Leuten der LEAG über den Strukturwandel.

Ob ziviler Ungehorsam die richtige Protestform ist, darüber lässt sich sicherlich streiten. Denn dies heißt, dass sich Menschen über geltendes Recht hinwegsetzen. Bewusst, weil die Situation so dramatisch ist. Und dramatisch wird der Klimawandel in den nächsten Jahren werden.

Ziviler Ungehorsam kann etwas erreichen

Für die Bewertung von zivilem Ungehorsam lohnt sich auch ein Blick in die Geschichte. Hier, im Osten Deutschlands, würde ohne diesen vermutlich noch die SED regieren.

Und auch das für uns heute mehr als selbstverständliche Frauenwahlrecht haben Frauen durch das bewusste Überschreiten von rechtlichen Grenzen erkämpft.

Diese Menschen haben mit zivilem Ungehorsam unsere Demokratie und unser Zusammenleben maßgeblich gestaltet. Lasst uns all solche Ereignisse nicht vergessen, wenn wir uns über Ende Gelände streiten. Und lasst uns dies tun, aber sachlich und respektvoll.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns an leserbriefe@lr-online.de (Bitte Namen und Adresse angeben).

Lebenslauf Ricarda Budke


Ricarda Budke (20) ist Studentin an der BTU und wohnt in Cottbus. Aufgewachsen ist sie im brandenburgischen Havelland.

Sie engagiert sich seit ihrem 15. Lebensjahr für Klimaschutz, war bis September diesen Jahres Sprecherin der Grünen Jugend Brandenburg und war schon 2016 bei einer Blockade von „Ende Gelände“ dabei.