Bereits 30 Jahre ist das her … das Einmünden der friedlichen Revolution in der DDR in die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Vor 30 Jahren absolvierte ich mein Theologie-Examen im Augustinerkloster in Erfurt.
Vor einigen Tagen trafen wir einstigen Kommilitonen uns wieder in den „heiligen Hallen“. Damals voller Enthusiasmus gestartet, um sich mit eigenen Überzeugungen und Begabungen einzubringen in die Wirklichkeit der Kirchengemeinden. Nun konnten sich sechs von zehn Absolventen dieses Treffen einrichten. Die drei Jahrzehnte haben sie sichtbar gezeichnet. Die eine hatte Probleme mit den Krampfadern, der andere musste beim Mundschutz die Hörgeräte herausnehmen, zwei brauchten schon etwas gegen erhöhten Blutdruck.
Nicht sichtbar waren etliche Narben an der Seele, die man sich zuzieht, wenn man sich der Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlt: Persönliche Katastrophen, Verschleiß durch Sitzungen und Gremien, Engagement für Flüchtlinge und gegen Rechtspopulisten. Ja, eine echt spannende Zeit!
Der Start in das nun gemeinsame Deutschland ist ganz verschieden erlebt worden. Die prophezeiten „blühenden Landschaften“ erwiesen sich erst mal als Tal des Leidens. In der Lausitz sind in Größenordnungen Arbeitsplätze in der Braunkohle- und Textilindustrie weggebrochen. Manche konnten sich eine neue Perspektive aufbauen – oft fern der Heimat.
Andere kamen nie wieder richtig in Tritt und empfinden sich bis heute als Verlierer dieser gesellschaftlichen Umbrüche. Und so wird man ganz verschieden ein Resümee ziehen nach 30 Jahren deutscher Einheit. Und was sagt die Jugend zu diesem Feiertag? Für meinen ältesten Sohn, – 1999 geboren und politisch sehr interessiert, – ist es erstmal ein nüchternes geschichtliches Ereignis. Und er vermutet, wenn es nicht zu dieser „Wende“ gekommen wäre, hätten wir bestimmt nordkoreanische Verhältnisse.
So pessimistisch sehe ich das zwar nicht, aber ich muss zugeben, dass dafür alles in der DDR vorbereitet war: Lager für Oppositionelle, Listen der zu Inhaftierenden, harter Zugriff mit Waffengewalt. Gott – und vielen Menschen – sei Dank, dass uns dies erspart geblieben ist. Und Dank allen in politischer Verantwortung, dass wir als deutsche Nation seitdem nicht Großmachtallüren à la Gröfaz, Trump oder Erdogan pflegen, sondern uns auf Augenhöhe einbringen in einem gemeinsamen Europa.
Vor etwas mehr als 30 Jahren, im August 1989, wurde in der Eisenacher Annenkirche bei einer Hochzeit ein Lied gesungen, erst einige Stunden vorher im Hotelzimmer gedichtet. Ein Geschenk des Jenaer Theologieprofessors Klaus-Peter Hertzsch an sein Patenkind: „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.“ Und da es gut passte zu allem, was nun neu beginnt, gelangte es über den Gebrauch in der FriedensDekade (wird in den zehn Tagen vor Buß- und Bettag zelebriert, – Anm. d. Red.) in die Liedbücher der Evangelischen und der Katholischen Kirche.
Vor neuen Wegen steht auch die Lausitz. Nach 150 Jahren industrieller Nutzung der Braunkohle verabschiedet sich die Region von der Erwerbsmöglichkeit in dieser Branche. Was für die einen das „braune Gold“ war, erlebten andere als enorme Umwelt- und Landschaftszerstörung. Wie sieht die Zukunft aus? Das lässt sich nur begrenzt prognostizieren. Bei denen, die es schon ganz genau wissen, sollten wir eher vorsichtig sein.
Vielleicht hilft uns bei der Frage nach dem Wohin das Wissen über das Woher. Wie lebte man  eigentlich hier vor der Kohle? Wie haben damals Menschen Lebensfreude, Lebensglück und Zufriedenheit miteinander geteilt? Wenn wir diese „Schätze“ heben, haben wir gewiss eine gute Wegzehrung für die Zeit, die vor uns liegt, für die nächsten 30 Jahre im gemeinsamen Deutschland. Dazu von der letzten Strophe des Kirchenliedes: „Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“

Zur Person

Jörg Michel wurde 1964 in Lübben geboren. Seit 1993 ist er Pfarrer in Hoyerswerda-Neustadt am Martin-Luther-King-Haus und seit 2010 auch für die Kirchgemeinde Spreewitz zuständig. Michel ist Mitbegründer der „Initiative Zivilcourage“ sowie des Bürgerbündnisses „Hoyerswerda hilft mit Herz“ und Flüchtlingsbeauftragter des Kirchenkreises schlesische Oberlausitz.