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Lernspuren sichtbar machen

Lernen soll Spaß machen.
Lernen soll Spaß machen. FOTO: dpa
Cottbus. Die Referentin für die Schulanfangsphase vom Institut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg plädiert für individualisierten Unterricht.

Was sollten Kinder, die in die Schule kommen, schon wissen? Diese Frage ist nicht in einem Satz zu beantworten, erklärt Irene Hoppe. Sie ist Referentin für die Schulanfangsphase beim Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg.

Frau Hoppe, nicht mehr lange, dann verlassen Kita-Kinder wieder die großen Gruppen und kommen bald in die Schule. Was müssen sie beim Schuleintritt eigentlich wissen?
Hoppe Kinder wissen und können sehr viel, wenn sie in die Schule kommen. Die frühe Kindheit ist ja die intensivste Lernzeit eines jeden Menschen. Die Grundschule legt am Schulanfang keinen Wissenskanon fest. Sie orientiert sich in ihren Anforderungen im Rahmenlehrplan am Bildungsplan der Kita, um an den vorschulischen Bildungsprozessen anzusetzen. Für Brandenburg werden in den "Grundsätzen elementarer Bildung" verschiedene Bildungsbereiche für die Kita beschrieben. Für die Schule ist es wichtig, dass die Kinder in diesen Bereichen viele anregende Erfahrungen machen und Interessen ausbilden konnten, dass sie neugierig sind, Fragen stellen und Lernen mit positiven Erfahrungen verknüpft ist.

Das stellt hohe Anforderungen an die Lehrer, die die Kinder mitnehmen, ihre Freude, ihre Neugier erhalten sollen. Haben sich diese Anforderungen eigentlich in den vergangenen 20, 30 Jahren verändert?
Hoppe Lehren war schon immer eine anspruchsvolle Tätigkeit. Heute wissen wir jedoch einfach mehr darüber, wie Lernen funktioniert, und das muss berücksichtigt werden. Wir wissen, dass ein Kind nur lernen kann, wenn an dem angeknüpft wird, was in seinem Gehirn schon an Struktur vorhanden ist. Und daher wissen wir auch, dass das eine Angebot für alle Kinder kein erfolgreicher Unterricht ist. Ein Kind kann nur lernen, wenn an seinen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten angeknüpft wird. Dazu brauchen Lehrkräfte eine gute Diagnosekompetenz, um festzustellen, wo das einzelne Kind steht. Individualisierender Unterricht bedeutet jedoch nicht, dass Kinder als Einzelne arbeiten. Kinder sollen sich gemeinsamen Themen widmen, ihre unterschiedlichen Zugänge und Lernstände sollen dabei in den Vermittlungsmethoden und Aufgabenstellungen berücksichtigt werden.

Und es geht beim Lernen offensichtlich auch um soziale Kompetenz. Dass man gemeinsam was macht, Erfolge sieht und die Freude am Lernen erhalten bleibt.
Hoppe Lernen an gemeinsamen Themen fördert Verbundenheit unter den Kindern und vermittelt wichtige Erfahrungen mit der Zusammenarbeit. Partner- und Gruppenarbeit sind deshalb in der Grundschule oft genutzte Formen. So können schon jüngere Kinder - wenn sie Lerngelegenheiten bekommen - darüber reflektieren, wie ihre Zusammenarbeit geklappt hat, wie gut die gemeinsame Leistung gelungen ist. Dabei können die Kinder auch Vorschläge entwickeln, wenn es mal nicht so gut gelaufen ist.

Zusammenfassend kann man sagen, wenn wir über das Thema Wissen reden, reden wir nicht über reines Faktenwissen, sondern eigentlich mehr über Kenntnisse und Fähigkeiten?
Hoppe Genau. In der Schule reden wir von Kompetenzen. Ziel des kompetenzorientierten Unterrichts ist es, Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten gezielt so aufzubauen, dass die Schülerinnen und Schüler handlungsfähig werden. Es geht im Grunde darum, dass intelligentes Wissen entsteht.

Nun müssen wir über das Thema Schulnoten sprechen. Das wird ja immer wieder heiß und konträr diskutiert: Wie sanft soll der Übergang von der Kita in die Schule sein, soll es Bewertungen in Form von Noten geben, soll es sie möglichst spät geben . . . ?
Hoppe Zumindest im 1. Schuljahr wird ein Kind im Land Brandenburg noch nicht mit Noten konfrontiert. Am Ende des Schuljahrs gibt es eine verbale Beurteilung, kein Notenzeugnis. Und wie die Bestrebungen aussehen, soll das auch auf das zweite Schuljahr ausgeweitet werden. Viele Kinder kommen mit großem Selbstbewusstsein in die Schule. Sie können vieles, sind wissbegierig, freuen sich auf die Schule und wollen dort auch weiterlernen und weiterkommen.

Dieses Selbstbewusstsein, diese Lernfreude sollte unbedingt erhalten werden. Das gelingt natürlich besser durch viel positive, lernförderliche Rückmeldung. Ermutigte Kinder sind fähiger, Leistung zu zeigen. Deshalb ist es für einen gleitenden Übergang sehr empfehlenswert, nicht am Anfang gleich Noten zu geben.

Noten sind aber in der Gesellschaft stark anerkannt.
Hoppe Das sind sie und die Notengebung ist wirklich ein komplexes Thema, über das sich ausgiebig diskutieren lässt. Aber noch einmal: Es ist enorm lernförderlich, ganz viele konkrete Rückmeldungen zu bekommen. Laut John Hattie, dem renommierten Bildungsforscher, gehören gerade der gemeinsame Rückblick auf den bisherigen Lernweg und der gemeinsame Ausblick auf die nächsten Lernschritte zu den wichtigsten Einflussfaktoren für Lernerfolg und Lernzuwachs. Und diese wichtigen Rückmeldungen sind eben nicht nur Sache der Lehrkräfte. Auch das Kind muss über sein Lernen sprechen und reflektieren.

Das heißt, Selbsteinschätzung zu lernen von Anfang an. So werden die Lernspuren des Kindes wahrnehmbar und bieten der Lehrkraft wichtige Erkenntnisse. Sie kann auf diesem Hintergrund das Kind viel effektiver beraten, mit ihm die nächsten Lernschritte beraten und es fördern. "Lernen sichtbar machen" nennt das John Hattie. Um Lernen und Leistung zu fördern, müssen wir also über das Lernen sprechen - wir Lehrkräfte und die Kinder.

Mit Irene Hoppe

sprach Peter Blochwitz

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