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Computerspiele sollten in Lehrpläne integriert werden.
Lernen heißt für Linda Kruse spielen

Linda Kruse (l.) führt ihr Unternehmen mit Marcus Bösch. Sie sagt: "Es ist an der Zeit, dass Spiele in die Lehrpläne (Aus- und Weiterbildung) integriert werden, ein Fokus auf Medienkompetenzvermittlung für Eltern, Lehrkräfte, Kinder und Jugendliche gelegt wird und Spiele als Leitmedium des 21. Jahrhunderts auch in konservativeren Branchen wahrgenommen werden."
Linda Kruse (l.) führt ihr Unternehmen mit Marcus Bösch. Sie sagt: "Es ist an der Zeit, dass Spiele in die Lehrpläne (Aus- und Weiterbildung) integriert werden, ein Fokus auf Medienkompetenzvermittlung für Eltern, Lehrkräfte, Kinder und Jugendliche gelegt wird und Spiele als Leitmedium des 21. Jahrhunderts auch in konservativeren Branchen wahrgenommen werden." FOTO: The GoodEvil GmbH
Frau Kruse, wie kamen Sie auf die Idee, Computerspiele für Kinder zu entwickeln? Kruse Ich bin selbst mit Computerspielen und Lernspielen groß geworden und fand das immer spannend. Wann haben Sie begonnen zu spielen? Kruse Computerspiele so mit sieben Jahren. Jan Sermons

Davor schon NES. Vorher waren Computer in Privathaushalten auch nicht üblich. Ein paar Jahre später kam dann das Internet, welches man benutzen konnte, wenn niemand telefoniert hat.

Es hat Ihnen offenbar nicht geschadet. Digitale Demenz hat Sie nicht ereilt. Wie sind Ihre Eltern mit dem Computerspielen bei Ihnen umgegangen?
Kruse Ich komme aus der Generation, die ohne Internet aufgewachsen ist. Ich habe mit zwölf Jahren angefangen, Webseiten zu programmieren und meine Computer selbst zusammenzubauen. Damals war noch eine richtige Auseinandersetzung nötig. Heute gibt es für fast alles entsprechende Programme, die einem vieles abnehmen. Meine Eltern haben mich von Anfang an unterstützt und mir den Umgang mit Computern ermöglicht. Sie haben geguckt, welche Programme und Spiele ich spiele, und natürlich durfte ich erst an den Computer, wenn die Hausaufgaben erledigt waren.

Nun sind Computerspiele gerade bei Eltern schwer umstritten. Sie haben sich auf Lernspiele für Kinder spezialisiert. Manche Medienkritiker sagen: Das kann nicht funktionieren.
Kruse Die Eltern dürfen sich gerne bei mir melden. Bücher, Comics und das Fernsehen waren zu ihrer Zeit genauso "verpöhnt" wie Spiele in bestimmten Kreisen heute noch sind. Dabei ist jede Form von Spiel und spielen hilfreich. Die Spielerin oder der Spieler lernt immer etwas, ob dies nun Orientierungssinn, Reaktionsgeschwindigkeit, Entscheidungsvermögen, Feinmotorik oder eben ein bestimmter Lerninhalt ist. Auch im Kindergarten und in der frühkindlichen Entwicklung läuft das Lernen komplett spielerisch ab. Klar ist auch: Maß halten ist wichtig. Der Medienkonsum der Kinder sollte auf ihr Alter und ihre Entwicklung abgestimmt sein. Ein Tablet sollte auch nicht der einzige "Reiz" sein, den ein Kind bekommt. Ein Spiel ist aber sicherlich sinnvoller, als das Kind passiv vor einem schlechten Fernsehprogramm zu parken.

Mit Ihrem Spiel Sqirrel und Bär sollen Kinder Englisch lernen können. Wie sind die Rückmeldungen?
Kruse Viele Eltern sagen, dass die Kinder etwas gelernt haben. Vor allem schwärmen sie vom Abenteuer mit dem Bären und dem Eichhörnchen. In dem Spiel steckt viel pädagogisches und didaktisches Wissen . Wir haben das Spiel während der Entwicklung mit Kindern getestet und so optimiert, dass es funktioniert. Manche Eltern verstehen den pädagogisch fundierten Aufbau und das ruhige Spieltempo allerdings nicht.

Die Kinder sollen jetzt auch noch in der Schule spielen. Aber irgendwann kommt doch der Ernst des Lebens. So kann man Kinder doch nicht auf die spätere Arbeit vorbereiten.
Kruse Ich würde es sehr begrüßen, wenn die Kinder auch in der Schule wieder mehr spielen. Dann würden sie gleichzeitig auch mehr verstehen, und es würde sicher weniger auf Noten und Auswendiglernen ankommen. Es gibt dazu auch ein sehr erfolgreiches Schulsystem aus New York (Quest to Learn). Dort ist das ganze Curriculum spielerisch aufgebaut. Wir sind immer noch sehr geprägt vom Arbeitsethos der vergangenen Jahrhunderte. Aber warum soll Arbeit nicht Spaß machen? Schon heute und in Zukunft sieht Arbeit anders aus. Da ist Kreativität gefragt und keine Fließbandarbeit. Wenn die Fließbandarbeit komplett durch Roboter ersetzt ist, dann stehen die Menschen eher vor neuen Problemen, die sie eigenständig lösen müssen. Diese Problemlösefähigkeit wird in entsprechenden Spielen geschult. Wir haben jetzt ein Spiel mit der TU Dresden und dem WILA Bonn entwickelt. Bei "Serena Supergreen und der abgebrochene Flügel" müssen technische Probleme gelöst werden. Das geht vom Auswechseln einer Lampe bis zur Reparatur einer Windenergieanlage.

Und wie haben die Professoren der TU Dresden sich darauf eingelassen?
Kruse Das war eine super Zusammenarbeit. Wir konnten viel voneinander lernen. Im Spiel ist nun sichergestellt, dass alles seine fachliche Richtigkeit hat, und der Lerneffekt wurde in einer Begleitevaluation erforscht.

Gab es schon Anfeindungen von Eltern?
Kruse Nein, zum Glück hat sich die Diskussion geändert. Viele Ängste und Vorwürfe sind inzwischen widerlegt.

Mit Linda Kruse

sprach Jan Selmons

Zum Thema:
Linda Kruse (30) hat vor ihrem Master of Arts in Game Development and Research am Cologne Game Lab einen Bachelor of Arts in Creative Producing in Köln absolviert. Gearbeitet hat sie davor, danach und währenddessen als Producer und Webdesigner. Jetzt entwickelt sie wie sie sagt "Spiele für eine bessere Zukunft - multilinear und mit knuffigen Tieren!" Dazu unterrichtet sie Game Design an der Hochschule Mainz und ist Vorstandsmitglied im GAME Bundesverband. Sie ist eine der Gründer der Firma The GoodEvil GmbH. "Wir gestalten Erfahrungen und Erlebnisse - egal ob digital oder analog. Mit unseren Spielen kann man Englisch lernen, die deutsche Geschichte zusammenpuzzeln oder mithilfe eines Pizzakartons fit werden."