Erstmals betritt Dagmar Gelbke in Leipzig nach über 30 Jahren wieder ihr Elternhaus in der Eisenbahnstraße 33. "Hier ging die Post ab", erinnert sie sich. "Auf dem Innenhof spielten wir die in den Fünfzigerjahren beliebten Zirkusfilme nach." Die nicht auf den Mund Gefallene war Löwenbändigerin oder Prinzessin. Wohl wollend beobachtete vom zweiten Stock aus der Vater die schauspielerischen Gehversuche der kleinen Tochter. Schließlich sollte sie in seine Fußstapfen treten. Herbert Gelbke war in und um Leipzig eine Institution. Mit seinem gleichnamigen, bis zu 30 Musiker starken Unterhaltungsorchester spielte er auf vielen großen Bühnen in der DDR. "Na und wie das so mit Einzelkindern ist: Ich sollte alles auf einmal lernen", blickt die Tochter zurück und zählt auf: "Ballett- und Gesangsunterricht, Klavier, Gitarre und natürlich Vaters Lieblingsinstrument, das Akkordeon."
Bereits mit elf Jahren stand Dagmar auf der Bühne im alten Friedrichstadtpalast in Berlin und durfte in der einstigen Kult-Sendung des DDR-Fernsehens "Zwischen Frühstück und Gänsebraten" zwei Lieder singen. Überhaupt fühlte sie sich von der Stadt magisch angezogen. Mit 19 Jahren begann sie deshalb auch, als Sängerin die Berliner Musikszene zu erobern. Ende der 1970er-Jahre wurde sie schließlich die Sketchpartnerin von Helga Hahnemann.
"Bei einer zufälligen Begegnung sagte sie zu mir, dass ich mit meinem Vogelgesicht sowieso nur fürs komische Fach gut bin", zitiert Dagmar Gelbke ihre "Big-Helga". Sechs Jahre lang stand sie mit ihr singend, steppend und kalauernd auf der Bühne. Während der Kontakt der Ex-Leipzigerin zu ihrer Geburtsstadt abbrach, pflegte die Entertainerin jedoch ihr Sächsisch auf der Bühne. Helga Hahnemann war die waschechte Berlinerin und Dagmar Gelbke mimte die konkurrierende Sächsin. Viele Sketche lebten von den Spannungen zwischen den Lokalmatadoren.
Über 35 Jahre wohnt Dagmar Gelbke nun schon in der Hauptstadt. Das färbt ab, natürlich zuallererst auf die Sprache. Und darum ist sie für die Helga-Hahnemann-Paraderollen, wie die der legendären Putzfrau Traudl Schulze oder der Sportlehrerin Ilse Gürtelschnalle wie geschaffen. Diese präsentiert sie auf verschiedenen Kabarettbühnen unter dem Motto: "Big Helga - een kleenet Menschenkind."
Am 20. November ist es 15 Jahre her, dass Helga Hahnemann nach kurzer schwerer Krankheit starb. Aus diesem Anlass plant Dagmar Gelbke eine neue Helga-Hahnemann-Revival-Show. "Mein größter Wunsch: Sie auch mal in meiner Geburtsstadt auf die Bühne zu bringen", hofft sie. Natürlich würde sie dann schnell mal wieder in die Eisenbahnstraße fahren und schauen, wie es um das Haus steht, in dem sie ihre Kindheit verbrachte.